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„Personal Shopper“ im Kino : Wenn Gespenster einfach nicht zur Sache kommen

  • -Aktualisiert am

„Dann fragte ich im Winter mich / was seh’ ich, schau ich hinter mich?“ - Kristen Stewart ist im Begriff, sich über die Schulter zu schauen. Bild: Carole Bethuel

Das Kino als Spiegelspiel: Die Spukgeschichte „Personal Shopper“ von Olivier Assayas geistert ins Leere. Kristen Stewart allerdings brilliert darin als selbsterklärtes Medium.

          Wer zuerst stirbt, schickt ein Zeichen aus dem Jenseits: das ist das Versprechen zwischen Maureen und ihrem Zwillingsbruder. Und nur, um auf dieses Zeichen zu warten, ohne zu wissen, was es ist und warum sie darauf wartet, bleibt sie an einem Ort, der ihr nichts bedeutet. Am Tag kauft sie für ihre prominente Chefin sündhaft teure Kleidung, in der Dämmerung geht sie als selbsterklärtes Medium auf Geisterjagd. Zwischen der materiellen und der spirituellen Welt durchschreitet sie Türen, sitzt auf dem Roller, im Auto, im Zug, immer auf dem Weg und nie mit wirklichem Ziel, während Paris und das Leben ganz buchstäblich an ihr vorbeiziehen, bis sie endlich Zeichen bekommt, die sie aber nicht deuten kann.

          „Personal Shopper“, das ist Maureens Beruf und der Name des neuen Films von Olivier Assayas. Wie der Film heißt, ist aber ganz egal, so, wie es ganz egal ist, was in dem Film passiert, denn eigentlich geht es nur um die junge Frau in diesem Film, die von Kristen Stewart gespielt wird, die im Grunde sich selbst spielt.

          In Assayas’ „Die Wolken von Sils Maria“ (2014), der für Juliette Binoche geschrieben war und von einer alternden Frau handelt, die mit der Jugend und ihrem eigenen Welken konfrontiert ist, spielte Stewart die selbstbewusste, die bestimmende Jugend. In diesem Film, der auf sie zugeschrieben ist, spielt sie wie in einem reflektierten Echo die verlorene, die suchende Jugend.

          Die echten Nebenrollen spielen Objekte

          Während in „Sils Maria“ das Duett zwischen der Jüngeren und der Älteren den Film verzauberte, ist Stewart diesmal auf sich allein gestellt. Sigrid Bouaziz als verwitwete Schwägerin, Nora von Waldstätten als divenhafte Vorgesetzte, Lars Eidinger als versteckter Psychopath, sie alle sind starke, überzeugende, aber meist abwesende Schauspieler, nur Statisten im Porträt der Einsamkeit sind. Die echten Nebenrollen spielen Objekte, die Stewarts Innenleben darstellen: das große, verfallende Haus des toten Bruders als Metapher der inneren Leere und der ungestillten Sehnsucht, das Telefon, an das sie sich wie an einen Anker klammert und über das sie in der Hoffnung auf Antwort so zärtlich wie verzweifelt streicht, schließlich die Kleider der verhassten Chefin, die sie heimlich anlegt und die sie enthemmen, wenngleich sie aussehen wie Folterinstrumente für Frauen, wenn Stewart etwa in den Gewändern der anderen masturbiert.

          Kristen Stewart hat schon mit acht Jahren ihre Schauspielkarriere begonnen; durch die „Twilight“-Filme wurde sie, kaum zwanzig, eine der kommerziell erfolgreichsten Darstellerinnen Hollywoods und machte mit einem turbulentem Privatleben von sich reden. In Interviews spricht sie von der „lähmenden körperlichen Angst, die mit dem Ruhm kommt“, und von den Erwartungen der Öffentlichkeit. Seit Assayas sie mit „Sils Maria“ vom Hollywood-Image löste und ihr als erster Amerikanerin überhaupt den César, den wichtigsten französischen Filmpreis, verschaffte, arbeitet sie vor allem mit Regisseuren mit intellektuellem Ruf wie Woody Allen oder Ang Lee.

          Sogar die Ektoplasma kotzende Geistererscheinung ist frustrierend schön

          Man kann „Personal Shopper“ als Kristen-Stewart-Studie sehen, als Geschichte der Flucht aus Beklemmungszuständen in eine andere Welt der Enthemmung, die Stewart so überzeugend spielt, wie man sich selbst nur spielen kann. Gleichzeitig ist das aber auch ein Film, der bei seiner Premiere in Cannes mit einer Palme für Assayas als besten Regisseur ausgezeichnet wurde- die Projektion eines Mannes mit einem Faible für schöne Frauen und einem Hang zum Selbstzitat, das sich auch hier zeigt, wenn Maureen durch das Haus geistert wie Maggie Cheung in „Irma Vep“ (1996) durch leere Räume, oder wenn sie sich wie Emily in „Clean“ (2004) durch Paris bewegt. Der Film ist überladen, voll von Referenzen an alle möglichen Genres, ein bisschen Horror, ein bisschen Psychothriller, ein bisschen Drama, dazwischen Film-in-Film-Sequenzen über die spirituellen Bestrebungen Hilma af Klints und Victor Hugos. Der Film bietet schöne Kulissen, schöne Objekten, das schöne Gesicht seiner Hauptdarstellerin, sogar die Ektoplasma kotzende Geistererscheinung ist frustrierend schön.

          Was wirklich passiert, ist meist sehr naheliegend

          Umzingelt von Stereotypen - dem abwesenden Zwilling, der Stimme der Vernunft, der unbekannten Bedrohung -, steht die Protagonistin allein in einer so großen Ansammlung von Psychospiegeln, die einander wieder und wieder reflektieren, dass man nur darauf wartet, dass sie diese Spiegel zu Scherben zerschlägt, um dahinter zu blicken. Wie beim absurden Theater wird immer und immer wieder eine Auflösung der Handlung versprochen, die dann nicht kommt. Was wirklich passiert, ist meist sehr naheliegend. Am Ende ereignet sich etwas, das man als Versöhnung deuten kann oder als unwiederbringlichen Verlust, aber auch diese Zweideutigkeit war vorhersehbar.

          Und dazwischen scheitert der Kunstgriff, Tiefe durch Fülle von Materialität zu schaffen, einfach daran, dass der Film an der glatten Oberfläche seiner Spiegel ausrutscht. So unfertig die Hauptdarstellerin in ihrem jungen Alter ist, so unfertig bleibt der Film mit ihr.

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