https://www.faz.net/-gqz-pi43

Kino : Die zweite Erfindung des Adolf Hitler: "Der Untergang", Drehbuch Bernd Eichinger

  • -Aktualisiert am

Am Donnerstag dieser Woche läuft Bernd Eichingers und Oliver Hirschbiegels Film „Der Untergang“ mit der großen Zahl von vierhundert Kopien in den deutschen Kinos an. Der Blick auf Hitlers letzte zwölf Tage im Führerbunker ist dem Produzenten als Autor zum Meisterwerk geraten.

          8 Min.

          Ich wußte viel von Adolf Hitler, aber von Bernd Eichinger wußte ich nichts. Befremdet, wie fast alle Angehörigen meines Gewerbes und meiner Generation, nahm ich zur Kenntnis, daß er einen Film über die letzten Tage Adolf Hitlers zu drehen gedachte. Eichinger war "Rossini" und "Name der Rose" und "Schuh des Manitu",und vor allem war er das, was ich in People-Magazinen über ihn gelesen hatte, ein bundesrepublikanischer Hallodri mit unklaren Wertvorstellungen, Bewohner einer Schickimicki-Welt, die zum Stangl-Wirt nach "Kitz" reist und später in der Luxus-Disco Gläser an die Wand schmeißt.

          Dies alles ist hier zu erwähnen, weil es die Ausgangslage definiert. Kein Bruno Ganz und keine literarische Vorlage hätten eine Chance gegen die Vorurteile, die von der sozialen Erscheinungsform des Produzenten und Drehbuchschreibers hervorgerufen wurden: Eichinger war ja nicht einmal Nachkriegsdeutschland, er war "BRD", er war Starnberg und träumte in den Amplituden, in denen das alte Deutschland träumte, von den "Kindern vom Bahnhof Zoo" bis zur "Unendlichen Geschichte". Eichinger, erfuhr ich, führte nicht Regie (diese führte Oliver Hirschbiegel), sondern hatte auf der Grundlage der Bücher von Joachim Fest und Traudl Junge das Drehbuch geschrieben. Anders ausgedrückt: Durch Bernd Eichinger würde im Jahre 2004 Adolf Hitler sprechen. Da aus den letzten Bunkertagen nicht viel wörtlich überliefert ist, mußte einiges erfunden werden. An die Schwierigkeit, dies dann auch noch dialogisch zu tun, nämlich in der schlichtweg niemals überlieferten Wechselrede Hitlers mit anderen Personen, wollte man gar nicht denken. Eichingers Aufgabe war eine filmische und literarische und historische und nicht zuletzt eine moralische - vor dem schwierigsten und zutiefst angstbesetzten Themas dieses Landes. Bewaffnet mit den Warnungen der Cineasten, versorgt mit den Sottisen von Eichingers Kollegen und wohlausgestattet mit allen Kenntnissen, die ein Nachkriegskind zum "widrigen Thema" angesammelt hat, sah ich einen Film, gegen den ich schon so viele Widerstände aufgebaut hatte, daß es nicht für mich, sondern für den Film eine harte Bewährungsprobe werden sollte. Ungnädiger hat niemand einen Vorführraum betreten und auch nicht selbstgewisser: Es müsse schon Unmögliches geschehen, ehe einem von uns Nachkriegsdeutschen ein Spielfilm über Hitler den Atem nehmen könne.

          Eichingers Film "Der Untergang" ist ein Meisterwerk. Es fällt einem kein anderer Begriff ein. Jawohl, der Film hat Schwächen und sogar Lücken, manche Rollen sind schwach besetzt oder knicken unter der Last des Themas so sehr ein, daß sich die Architektur des Ganzen verändert. Aber Bruno Ganz als Hitler, Corinna Harfouch als Magda Goebbels und Alexandra Maria Lara als Traudl Junge sind die Säulen des Unternehmens. Und halten stand. Überaus schwach dagegen die Figur Bormanns, was einer gewissen Logik nicht entbehrt. Ist doch Bormann auch historisch die verschwommenste Figur von allen. Dieser gesichtslose, am Ende wohl zeitweilig sogar mächtigste Mann des "Dritten Reiches" wirkt im "Untergang" nur ängstlich und kaum perfide. Der wahre Martin Bormann hat bekanntlich bis zuletzt seine Intrigen gesponnen; das berühmte Fernschreiben Görings, das erst Bormann zum Verrat umdeutete, und der tatsächliche Verrat Himmlers bleiben, was Bormann betrifft, blaß und ungenau.

          Albert Speer wird so gezeichnet, wie er selbst in seinen heiklen "Erinnerungen" gesehen werden wollte, dies alles aber leider ohne eine Spur von Skepsis oder Ironie. Hat er Hitler wirklich derart offen gestanden, daß er dessen Befehle nicht mehr befolge? Was wollte Speer zum zweiten Mal im Bunker? Wirklich nur Abschied nehmen oder noch einen "Auftrag"?

          Schließlich Fegelein: Zwar erzählt der Film sehr exakt, wie der SS-General Fegelein und Schwager Hitlers erst in die Bleibtreustraße flüchtet, Eva Braun anruft, um sie zur Flucht zu überreden, schließlich aufgegriffen und auf Hitlers Befehl hingerichtet wird - aber Charakter und Figur dieses höchst widerlichen Mannes (der zum Beispiel gerne die Fotos der erhängten Attentäter vom 20. Juli herumzeigte) bleiben ganz und gar dunkel, ja fast könnte er, der Täter, wie ein Opfer Hitlers wirken.

          Das ist Kritik, die der "Untergang" hervorruft. Wir haken sie hier ab und ergänzen sie noch rasch um andere Einwände: Das Berlin des April 1945 war, allen Augenzeugenberichten zufolge, von Ruß, Rauch und Nebel auch am Tage fast verdunkelt, die Leichen des Ehepaars Hitler wurden nicht in einer Grube, sondern auf flacher Erde verbrannt. Alles Details, die sich in der grundlegenden Studie von Anton Joachimsthaler "Hitlers Ende - Legenden und Dokumente" (Herbig 2004) nachlesen lassen, einem Buch, das praktisch jede Behauptung, die im Umkreis von Hitlers letzten Wochen aufgestellt wurde, überprüft und erläutert. Doch diese Einwände verlieren sich angesichts der beklemmenden Gewalt und psychischen Intensität, die dieser Film auf den Zuschauer ausübt.

          Die Idee, neben Joachim Fests dramatischer Chronik auch Traudl Junges Buch "Bis zur letzten Stunde - Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben" als Wegweiser zu nehmen und Hitlers jüngste Sekretärin als Identifikationsfigur auch noch in der Hölle anzubieten, verschafft dem Film überhaupt erst einen Boden, auf dem man gehen kann. Die letzte Mahlzeit vor dem Selbstmord, die Hitler mit dem anerkennenden Wort "Gut" beschließt. Das von Traudl Junge überlieferte stumme Zwiegespräch mit dem Porträt Friedrichs des Großen. Und dann die meisterhafte Unterredung mit Greim, der nach Berlin eingeflogen kam, um zu Görings Nachfolger ernannt zu werden. Das Gespräch, das Hitler mit Greim führt und in dem er ihm neue Siegesgewißheit gibt und Wunderwaffen verspricht, ist schlichtweg erfunden. Aber so muß es gewesen sein, wenn Hitler noch bis zuletzt und gegen jede Wahrscheinlichkeit verzweifelte und resignierte Generale umdrehte.

          Der "Untergang" beginnt mit einer Einspielung der alten Traudl Junge, und sie sagt vor allem diesen einen Satz: "Und trotzdem, es fällt mir schwer, mir das zu verzeihen." Dann Schnitt ins Führerhauptquartier Wolfsschanze, November 1942. Alexandra Maria Lara als Traudl Junge, der Diener Linge bittet um Geduld, der Führer füttere noch seine Hunde. All das ist verbürgt, so steht es in Traudl Junges Erinnerung. Auftritt Bruno Ganz als Adolf Hitler, und nun wird dieser Film mehr als eine Dokumentation: Er wird Bernd Eichingers Film. Eichinger ist es nämlich gelungen, ein Drehbuch zu schreiben, das selbst Literatur geworden ist; er hat Hitler durch genaues Studium der im "Kriegstagebuch der Wehrmacht" niedergelegten stenographischen Mitschriften, einiger Tonbandaufzeichnungen und wortgetreuer Erinnerungssplitter an des Diktators Diktion völlig überzeugend erfaßt. Joachim Fests Satz über Bruno Ganz: "Das ist Hitler" trifft auch die geschriebene Rolle.

          Bernd Eichinger also hat geschafft, was vor ihm noch keinem gelang: Er hat Hitler ein zweitesmal erfunden. Er hat Hitler damit, so sonderbar es klingt, zum erstenmal kontrollierbar gemacht; zum erstenmal ist es möglich, Hitler in einen Kontext zu stellen, den er uns nicht postum vorschreibt, sei es durch die Wochenschauaufnahmen, die Tischgespräche - oder negativ durch die Abwesenheit jeglicher persönlicher Aufzeichnungen). Das ist an sich schon ein unglaublicher Vorgang. Ohne Bruno Ganz kaum denkbar. Aber es ist nur ein Aspekt der Intelligenz dieses Werks.

          Noch bemerkenswerter aber ist, wie Eichinger es gelang, die Erinnerungsliteratur so sehr zu verdichten, daß jede einzelne Millimeter-Sequenz dieses Films, die man aufhebt, um sie sich näher anzuschauen, so wirkt, als würde sie Tonnen wiegen. Eine der Quellen des Films sind die Erinnerungen von Ernst Schenck, die unter dem Titel "Als Arzt in Hitlers Reichskanzlei" vorliegen. Schenck ist es beispielsweise, der sehr genau von der Flucht der Dienststellen nach Hitlers sechsundfünfzigstem Geburtstag am 20. April 1945 berichtet und der gesehen hat, wie Hitler sich über die Wirkung des Giftes unterrichten ließ. An einer Stelle in Schencks Erinnerungen taucht ein "Henker" auf - eine ganz kurze, von vielen sicherlich überlesene Erinnerungsspur, in der er einen unheimlichen Mann beschreibt, der durch das brennende Berlin zieht, um Verräter aufzuhängen.

          Eichinger hat diese Stelle nicht überlesen. Er hat sie - und darin sieht man den großen Künstler, der er spätestens jetzt geworden ist - mit äußerster Ökonomie in seinen Film eingebaut. Der Mann mit dem Seppelhut verkörpert stellvertretend das Grauen und die Gemütlichkeit einer in bayerischen Wirtskellern gegründeten Partei, die am Ende ihres Weges ein Schlachtfeld mit sechzig Millionen Toten hinterließ.

          So wie hier finden sich im "Untergang" unzählige kleine und kleinste Verweise auf tatsächliche Ereignisse, die im Kontext des Films ein anderes Leben entfalten: Hitler, der Eva Braun auf den Mund küßt - eine "unerhörte Begebenheit", die Traudl Junge überliefert und deren Wahnsinn man erst in diesem Film begreift -, gehört auf der einen Seite dazu und der Mord an den Goebbels- Kindern auf der anderen. Denn man hat zwar gewußt. daß alle im Bunker Versammelten - auch Traudl Junge und Albert Speer - Zeugen und Mitwisser eines Mordes an sechs Kindern wurden, aber verstanden hat man es nie. Keinem das Weiterleben zu gönnen, wenn man selbst tot ist - diese Hitlersche Finalthese durch den Mund einer Mutter ausgesprochen zu sehen, die im Begriff ist, ihre Kinder zu ermorden, das bringt den nachgeborenen Zuschauer an den Rand eingeübter Verstehensrituale.

          Man hat gesagt, Eichingers Film leiste nichts zum Verständnis des "Dritten Reichs". Wir sollten die Antwort auf diese Frage vertagen. Denn er leistet zunächst etwas zur Aufklärung über das, was war. Wenn das dazu führt, daß Menschen sich den Büchern von Joachim Fest, Ian Kershaw oder Sebastian Haffner zuwenden, ist viel erreicht. Das Interesse der Menschen gewinnt man nur durch Geschichten. Und Eichingers Film wird in Deutschland ein neues, überwältigendes Interesse an dem, was war, wachrufen. Was wir verstehen können, spielt sich am Ende immer nur in Zwischenreichen ab, die von Kunst offengehalten werden: jenem geringen Unterschied, der zwischen Fests "Untergang" und Eichingers "Untergang" liegt. Denn das, was uns bis heute verfolgt, da die Zeitgenossen fast alle tot sind, ist kaum noch greifbar. Aber es ist immer noch da und wird, wie jeder beobachten kann, größer, nicht kleiner.

          Am 29. Juli 1945 startete in Berlin-Friedrichshagen ein Flugzeug mit Ziel Moskau. Es flogen unter anderen: Hitlers Garagenmeister, sein Chefkoch, sein letzter Arzt, Admiral Voss und die Zahnarzthelferin Käthe Heusermann. Aber sie waren nicht die wichtigsten Passagiere an Bord. Irgendwo auf der Route, so berichtete Käthe Heusermann im Jahre 1981, präsentierten die russischen Soldaten eine Zigarrenkiste. "Hier ist der Führer", hätten sie "voller Fröhlichkeit" gesagt, und die Zigarrenkiste herumgezeigt, in der sich zwei Zahnbrücken Hitlers und eine Zahnbrücke seiner Frau befunden hätten - alles, was wohl überhaupt von den Körpern übriggeblieben ist.

          9., 10. und 13. Februar 1945: Hitler besucht mehrmals das im Keller des Bunkers der Reichskanzlei aufgestellte Modell der Stadt Linz. Hier wollte er seinen Lebensabend verbringen und begraben werden. Warum er die Modelle um drei oder vier Uhr nachts aufsuchte und regungslos vor ihnen verharrte, weiß man nicht. Fotos zeigen ihn jedenfalls, wie er wenige Wochen vor dem Einzug in den Bunker und keine sechs Monate vor diesem letzten Flug nach Moskau seinen geplanten Altersruhesitz betrachtet. Auf der obersten Spitze einer riesigen Säule, die bis in die Wolken ragte, so eine seiner Todesphantasien, sollte später einmal sein Sarkophag stehen, Wind und Wetter und den Jahreszeiten ausgesetzt.

          War aber nichts. Sein Sarkophag wurde kein Granitobelisk, sondern eine Zigarrenkiste. Und damit wäre in früheren Jahrhunderten diese Geschichte auserzählt. Eine Geschichte mit einer gewissen Moral, eine Geschichte von Verblendung und Vergänglichkeit und davon, wie der Böse vom Teufel geholt und niemals wiederkehren wird. Aber ebendies ist nie passiert. Die Säule, obwohl nicht gebaut, ist da; jedenfalls ragen die Überreste des Adolf Hitler durch alle Geschichtsnebel und die Wolken der Vergangenheit in unsere Zeit hinein, überragen uns und unsere eigene Lebenszeit wie nichts anderes. Wer das Foto betrachtet, wie er einen Monat vor seinem Tod auf das Modell des wiederaufgebauten und umgebauten Linz schaut, konstruiert von den Architekten, die später nach den damaligen Plänen den Wiederaufbau der Bundesrepublik vorantrieben, der muß wissen, daß Hitler auf Nachkriegsdeutschland schaut.

          Dieser Blick streift uns angesichts des Films "Der Untergang". Es ist wie in jener Episode von "Twilight Zone", wo die Menschen erst merken, daß sie in einem Puppenhaus leben, als die Riesenhand durch den Dachstuhl fährt. Es ist, als hätten wir Nachgeborenen in einem Spielzeugmodell gelebt, auf dem der böse Blick ruht. Eichinger hat etwas durchbrochen. Ist das schon die "Normalität"? Da Eichinger in der Tat der erste Künstler ist, der sich von Hitler nichts mehr vorschreiben läßt, ist es ein Akt von Normalisierung. Und damit ist "Der Untergang" nicht nur ein großes Kunstwerk, sondern ein wichtiges Datum unserer Verarbeitungsgeschichte. Aber man glaube nicht, daß jetzt irgend etwas leichter geworden ist. Es ist unheimlicher geworden um uns herum. Nähergerückt ist es auch.

          Weitere Themen

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Das Gefangenenlager der Vereinigten Staaten in Guantánamo auf Kuba (Archivbild)

          Erfinder des Waterboarding : „Ich würde es wieder tun“

          Der Psychologe James Mitchell hat die Folter des Waterboarding mitentwickelt und an Gefangenen angewandt. In einer Anhörung vor einem Militärgericht zeigte Mitchell keine Reue – er findet: Andere hätten die Grenzen überschritten.
          Ein Graffito in Beethovens Heimatstadt Bonn zeigt den nimmermüden Komponisten bei der Arbeit am Klavier.

          Ludwig van Beethoven : Der Musikunternehmer

          Der Bonner Komponist war ein Pionier. Er hat die Regeln der Musik seiner Zeit stark verändert, den harmonischen Kosmos erweitert und ihre Vermarktung revolutioniert. So wurde er zum ersten Superstar der Musikgeschichte.
          Donald Trump verfolgt auch in Davos entschlossen seine Interessenpolitik.

          Auf dem Treffen in Davos : Trump droht der Europäischen Union

          Nachdem der Handelskonflikt mit China vorübergehend beruhigt wurde, erinnert der amerikanische Präsident an die offene Rechnung mit Europa. In Davos fordert er seine Gesprächspartner auf, offen für einen „Deal“ zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.