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Kino : Die zweite Erfindung des Adolf Hitler: "Der Untergang", Drehbuch Bernd Eichinger

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Am 29. Juli 1945 startete in Berlin-Friedrichshagen ein Flugzeug mit Ziel Moskau. Es flogen unter anderen: Hitlers Garagenmeister, sein Chefkoch, sein letzter Arzt, Admiral Voss und die Zahnarzthelferin Käthe Heusermann. Aber sie waren nicht die wichtigsten Passagiere an Bord. Irgendwo auf der Route, so berichtete Käthe Heusermann im Jahre 1981, präsentierten die russischen Soldaten eine Zigarrenkiste. "Hier ist der Führer", hätten sie "voller Fröhlichkeit" gesagt, und die Zigarrenkiste herumgezeigt, in der sich zwei Zahnbrücken Hitlers und eine Zahnbrücke seiner Frau befunden hätten - alles, was wohl überhaupt von den Körpern übriggeblieben ist.

9., 10. und 13. Februar 1945: Hitler besucht mehrmals das im Keller des Bunkers der Reichskanzlei aufgestellte Modell der Stadt Linz. Hier wollte er seinen Lebensabend verbringen und begraben werden. Warum er die Modelle um drei oder vier Uhr nachts aufsuchte und regungslos vor ihnen verharrte, weiß man nicht. Fotos zeigen ihn jedenfalls, wie er wenige Wochen vor dem Einzug in den Bunker und keine sechs Monate vor diesem letzten Flug nach Moskau seinen geplanten Altersruhesitz betrachtet. Auf der obersten Spitze einer riesigen Säule, die bis in die Wolken ragte, so eine seiner Todesphantasien, sollte später einmal sein Sarkophag stehen, Wind und Wetter und den Jahreszeiten ausgesetzt.

War aber nichts. Sein Sarkophag wurde kein Granitobelisk, sondern eine Zigarrenkiste. Und damit wäre in früheren Jahrhunderten diese Geschichte auserzählt. Eine Geschichte mit einer gewissen Moral, eine Geschichte von Verblendung und Vergänglichkeit und davon, wie der Böse vom Teufel geholt und niemals wiederkehren wird. Aber ebendies ist nie passiert. Die Säule, obwohl nicht gebaut, ist da; jedenfalls ragen die Überreste des Adolf Hitler durch alle Geschichtsnebel und die Wolken der Vergangenheit in unsere Zeit hinein, überragen uns und unsere eigene Lebenszeit wie nichts anderes. Wer das Foto betrachtet, wie er einen Monat vor seinem Tod auf das Modell des wiederaufgebauten und umgebauten Linz schaut, konstruiert von den Architekten, die später nach den damaligen Plänen den Wiederaufbau der Bundesrepublik vorantrieben, der muß wissen, daß Hitler auf Nachkriegsdeutschland schaut.

Dieser Blick streift uns angesichts des Films "Der Untergang". Es ist wie in jener Episode von "Twilight Zone", wo die Menschen erst merken, daß sie in einem Puppenhaus leben, als die Riesenhand durch den Dachstuhl fährt. Es ist, als hätten wir Nachgeborenen in einem Spielzeugmodell gelebt, auf dem der böse Blick ruht. Eichinger hat etwas durchbrochen. Ist das schon die "Normalität"? Da Eichinger in der Tat der erste Künstler ist, der sich von Hitler nichts mehr vorschreiben läßt, ist es ein Akt von Normalisierung. Und damit ist "Der Untergang" nicht nur ein großes Kunstwerk, sondern ein wichtiges Datum unserer Verarbeitungsgeschichte. Aber man glaube nicht, daß jetzt irgend etwas leichter geworden ist. Es ist unheimlicher geworden um uns herum. Nähergerückt ist es auch.

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