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Kino : Die zweite Erfindung des Adolf Hitler: "Der Untergang", Drehbuch Bernd Eichinger

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Bernd Eichinger also hat geschafft, was vor ihm noch keinem gelang: Er hat Hitler ein zweitesmal erfunden. Er hat Hitler damit, so sonderbar es klingt, zum erstenmal kontrollierbar gemacht; zum erstenmal ist es möglich, Hitler in einen Kontext zu stellen, den er uns nicht postum vorschreibt, sei es durch die Wochenschauaufnahmen, die Tischgespräche - oder negativ durch die Abwesenheit jeglicher persönlicher Aufzeichnungen). Das ist an sich schon ein unglaublicher Vorgang. Ohne Bruno Ganz kaum denkbar. Aber es ist nur ein Aspekt der Intelligenz dieses Werks.

Noch bemerkenswerter aber ist, wie Eichinger es gelang, die Erinnerungsliteratur so sehr zu verdichten, daß jede einzelne Millimeter-Sequenz dieses Films, die man aufhebt, um sie sich näher anzuschauen, so wirkt, als würde sie Tonnen wiegen. Eine der Quellen des Films sind die Erinnerungen von Ernst Schenck, die unter dem Titel "Als Arzt in Hitlers Reichskanzlei" vorliegen. Schenck ist es beispielsweise, der sehr genau von der Flucht der Dienststellen nach Hitlers sechsundfünfzigstem Geburtstag am 20. April 1945 berichtet und der gesehen hat, wie Hitler sich über die Wirkung des Giftes unterrichten ließ. An einer Stelle in Schencks Erinnerungen taucht ein "Henker" auf - eine ganz kurze, von vielen sicherlich überlesene Erinnerungsspur, in der er einen unheimlichen Mann beschreibt, der durch das brennende Berlin zieht, um Verräter aufzuhängen.

Eichinger hat diese Stelle nicht überlesen. Er hat sie - und darin sieht man den großen Künstler, der er spätestens jetzt geworden ist - mit äußerster Ökonomie in seinen Film eingebaut. Der Mann mit dem Seppelhut verkörpert stellvertretend das Grauen und die Gemütlichkeit einer in bayerischen Wirtskellern gegründeten Partei, die am Ende ihres Weges ein Schlachtfeld mit sechzig Millionen Toten hinterließ.

So wie hier finden sich im "Untergang" unzählige kleine und kleinste Verweise auf tatsächliche Ereignisse, die im Kontext des Films ein anderes Leben entfalten: Hitler, der Eva Braun auf den Mund küßt - eine "unerhörte Begebenheit", die Traudl Junge überliefert und deren Wahnsinn man erst in diesem Film begreift -, gehört auf der einen Seite dazu und der Mord an den Goebbels- Kindern auf der anderen. Denn man hat zwar gewußt. daß alle im Bunker Versammelten - auch Traudl Junge und Albert Speer - Zeugen und Mitwisser eines Mordes an sechs Kindern wurden, aber verstanden hat man es nie. Keinem das Weiterleben zu gönnen, wenn man selbst tot ist - diese Hitlersche Finalthese durch den Mund einer Mutter ausgesprochen zu sehen, die im Begriff ist, ihre Kinder zu ermorden, das bringt den nachgeborenen Zuschauer an den Rand eingeübter Verstehensrituale.

Man hat gesagt, Eichingers Film leiste nichts zum Verständnis des "Dritten Reichs". Wir sollten die Antwort auf diese Frage vertagen. Denn er leistet zunächst etwas zur Aufklärung über das, was war. Wenn das dazu führt, daß Menschen sich den Büchern von Joachim Fest, Ian Kershaw oder Sebastian Haffner zuwenden, ist viel erreicht. Das Interesse der Menschen gewinnt man nur durch Geschichten. Und Eichingers Film wird in Deutschland ein neues, überwältigendes Interesse an dem, was war, wachrufen. Was wir verstehen können, spielt sich am Ende immer nur in Zwischenreichen ab, die von Kunst offengehalten werden: jenem geringen Unterschied, der zwischen Fests "Untergang" und Eichingers "Untergang" liegt. Denn das, was uns bis heute verfolgt, da die Zeitgenossen fast alle tot sind, ist kaum noch greifbar. Aber es ist immer noch da und wird, wie jeder beobachten kann, größer, nicht kleiner.

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