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Kino : Die zweite Erfindung des Adolf Hitler: "Der Untergang", Drehbuch Bernd Eichinger

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Albert Speer wird so gezeichnet, wie er selbst in seinen heiklen "Erinnerungen" gesehen werden wollte, dies alles aber leider ohne eine Spur von Skepsis oder Ironie. Hat er Hitler wirklich derart offen gestanden, daß er dessen Befehle nicht mehr befolge? Was wollte Speer zum zweiten Mal im Bunker? Wirklich nur Abschied nehmen oder noch einen "Auftrag"?

Schließlich Fegelein: Zwar erzählt der Film sehr exakt, wie der SS-General Fegelein und Schwager Hitlers erst in die Bleibtreustraße flüchtet, Eva Braun anruft, um sie zur Flucht zu überreden, schließlich aufgegriffen und auf Hitlers Befehl hingerichtet wird - aber Charakter und Figur dieses höchst widerlichen Mannes (der zum Beispiel gerne die Fotos der erhängten Attentäter vom 20. Juli herumzeigte) bleiben ganz und gar dunkel, ja fast könnte er, der Täter, wie ein Opfer Hitlers wirken.

Das ist Kritik, die der "Untergang" hervorruft. Wir haken sie hier ab und ergänzen sie noch rasch um andere Einwände: Das Berlin des April 1945 war, allen Augenzeugenberichten zufolge, von Ruß, Rauch und Nebel auch am Tage fast verdunkelt, die Leichen des Ehepaars Hitler wurden nicht in einer Grube, sondern auf flacher Erde verbrannt. Alles Details, die sich in der grundlegenden Studie von Anton Joachimsthaler "Hitlers Ende - Legenden und Dokumente" (Herbig 2004) nachlesen lassen, einem Buch, das praktisch jede Behauptung, die im Umkreis von Hitlers letzten Wochen aufgestellt wurde, überprüft und erläutert. Doch diese Einwände verlieren sich angesichts der beklemmenden Gewalt und psychischen Intensität, die dieser Film auf den Zuschauer ausübt.

Die Idee, neben Joachim Fests dramatischer Chronik auch Traudl Junges Buch "Bis zur letzten Stunde - Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben" als Wegweiser zu nehmen und Hitlers jüngste Sekretärin als Identifikationsfigur auch noch in der Hölle anzubieten, verschafft dem Film überhaupt erst einen Boden, auf dem man gehen kann. Die letzte Mahlzeit vor dem Selbstmord, die Hitler mit dem anerkennenden Wort "Gut" beschließt. Das von Traudl Junge überlieferte stumme Zwiegespräch mit dem Porträt Friedrichs des Großen. Und dann die meisterhafte Unterredung mit Greim, der nach Berlin eingeflogen kam, um zu Görings Nachfolger ernannt zu werden. Das Gespräch, das Hitler mit Greim führt und in dem er ihm neue Siegesgewißheit gibt und Wunderwaffen verspricht, ist schlichtweg erfunden. Aber so muß es gewesen sein, wenn Hitler noch bis zuletzt und gegen jede Wahrscheinlichkeit verzweifelte und resignierte Generale umdrehte.

Der "Untergang" beginnt mit einer Einspielung der alten Traudl Junge, und sie sagt vor allem diesen einen Satz: "Und trotzdem, es fällt mir schwer, mir das zu verzeihen." Dann Schnitt ins Führerhauptquartier Wolfsschanze, November 1942. Alexandra Maria Lara als Traudl Junge, der Diener Linge bittet um Geduld, der Führer füttere noch seine Hunde. All das ist verbürgt, so steht es in Traudl Junges Erinnerung. Auftritt Bruno Ganz als Adolf Hitler, und nun wird dieser Film mehr als eine Dokumentation: Er wird Bernd Eichingers Film. Eichinger ist es nämlich gelungen, ein Drehbuch zu schreiben, das selbst Literatur geworden ist; er hat Hitler durch genaues Studium der im "Kriegstagebuch der Wehrmacht" niedergelegten stenographischen Mitschriften, einiger Tonbandaufzeichnungen und wortgetreuer Erinnerungssplitter an des Diktators Diktion völlig überzeugend erfaßt. Joachim Fests Satz über Bruno Ganz: "Das ist Hitler" trifft auch die geschriebene Rolle.

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