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Kinofilm mit Cate Blanchett : Schlecht recherchiert, aber toll gespielt

Bild: Universum

Ein Routineauftritt? Ja, aber es ist die Routine einer Zauberin: Cate Blanchett als Fernsehredakteurin in James Vanderbilts Film „Der Moment der Wahrheit“.

          Ein bekanntes Reportagemagazin im amerikanischen Fernsehen enthüllt, dass der amtierende Präsident seinen Dienst in der Nationalgarde während des Vietnam-Kriegs mehr als schlampig abgeleistet hat. Der Bericht stützt sich auf Kopien von Dokumenten aus dem Jahr 1973. Nur Stunden nach der Ausstrahlung wird die Echtheit der Papiere im Internet angezweifelt. Der Fall macht Schlagzeilen, die Tageszeitungen berichten, die Konkurrenz recherchiert, eine interne Untersuchung wird eingeleitet. Nach kurzem Zögern lässt der Sender, der die Reportage produziert hat, seine Angestellten fallen. Die Redakteurin wird gefeuert, ihr Team aufgelöst, der Moderator, eine Legende seiner Branche, muss gehen. Ende der Geschichte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Will man das im Kino sehen? Lieber nicht. Es sei denn, der Präsident, um den es geht, hieße George W. Bush, und der Fall trüge sich mitten im amerikanischen Wahlkampf von 2004 zu, gerade in dem Augenblick, in dem der Amtsinhaber und sein demokratischer Herausforderer, der Vietnam-Kriegs-Veteran John Kerry, in den Meinungsumfragen Kopf an Kopf lagen. Es sei denn, es ginge dabei um mehr als um ein paar Fax-Ausdrucke von Akten, die vielleicht gefälscht und vielleicht echt sind, und einen Präsidenten, der womöglich ein Drückeberger und Feigling war oder auch einfach nur faul und von den richtigen Leuten protegiert. Es sei denn, die Heldin der Geschichte, die Redakteurin der CBS-Sendung „60 Minutes“, würde von Cate Blanchett gespielt.

          James Vanderbilts „Truth“, der auf Deutsch „Der Moment der Wahrheit“ heißt, ist trotz seines Titels kein Film über Wahrheit. Es ist ein Film über Macht. Die Macht des Fernsehjournalismus, das Spiel der Mächtigen zu durchkreuzen, sie mit ihren Lügen, ihren Fehlern und Dummheiten zu konfrontieren, so wie es Mary Mapes, die „60 Minutes“-Redakteurin, und ihr Anchorman Dan Rather vor ihrem Sturz mit ihrer Enthüllungsreportage über das amerikanische Militärgefängnis in Abu Ghraib getan hatten. Und die Macht der Mächtigen, jene Journalisten, die ihnen im Nacken sitzen, in Bedrängnis oder sogar zum Schweigen zu bringen, ihnen ihr Ansehen, ihre Selbstsicherheit, ihre berufliche Existenz zu nehmen.

          Wird sie zerbrechen?

          Das Problem besteht darin, dass die Belege dafür, dass Mapes und Rather durch politischen Einfluss ihren Job verloren, ebenso fehlen wie der Beleg ihres professionellen Versagens. Niemand hat je endgültig bewiesen, dass die Memoranden eines früheren Vorgesetzten von George W. Bush, deren Kopien Mapes und ihr Team aus der Hand eines Army-Veteranen empfingen, ein Fake waren. Und niemand wird je beweisen können, dass die Bush-Administration und einer ihrer wichtigsten Wahlkampfsponsoren, der Medienkonzern Viacom, dessen Hauptaktionär eine Sperrminorität bei CBS besitzt, Druck auf den Sender ausübten, sich von Mapes und Rather zu trennen.

          Alles, was wir im Kino haben, ist die Evidenz eines Gesichts, einer Stimme, eines Körpers, eines Blicks, deren Spiel die Asche der Fakten zur Flamme erweckt. Und deshalb liegt die entscheidende Qualität des Films „Truth“ nicht darin, dass er einen Fernsehskandal von 2004 mit der dramaturgischen Präzision und berechenbaren Mechanik einer mittleren Hollywoodproduktion nacherzählt, sondern dass er die Hauptrolle, die Rolle der Mary Mapes, mit Cate Blanchett besetzt hat.

          Der Film beginnt damit, dass sie zu einem Anwalt geht. Sie trägt einen grauen Hosenanzug und sehr viel Mascara. Sie ist nervös, und schon nach den ersten Sätzen des Anwalts braucht sie ein Beruhigungsmittel. Es geht nicht um den Fehler, den sie gemacht, sondern darum, dass sie sich zur falschen Zeit mit den falschen Leuten angelegt hat. Der Film, der nach diesem Prolog zum Beginn jener Affäre zurückspringt, die als „Killian Documents Controversy“ oder, nach ihrem prominentesten Opfer, als „Rathergate“ in die Annalen einging, kreist am Ende nur noch um die Frage, ob Mary Mapes zerbrechen wird. Beinahe geschieht es.

          Wozu das Kino da ist

          Cate Blanchett hat in ihrer erst zwanzigjährigen Karriere Journalistinnen („Veronica Guerin“) und Königinnen gespielt, Frauen, die sich durchkämpfen, und solche (wie in Woody Allens „Blue Jasmine“), die sich aufgeben. Das Besondere an der Rolle der Mary Mapes liegt darin, dass sie das Beste dieser Charaktere in sich vereint, den Hochmut und die Tapferkeit, das heulende Elend und den Stolz, der sich nicht beugen lässt. Man könnte es einen Routineauftritt nennen, aber es ist die Routine einer Zauberin. Dass die Ikone Dan Rather von der Ikone Robert Redford verkörpert wird und auch fast alle anderen Rollen, von Stacy Keach als Informant bis zu Dennis Quaid als CBS-Rechercheur, großartig besetzt sind, fällt im Vergleich dazu weniger ins Gewicht. Dies ist Cate Blanchetts Film, und wenn es darin einen Moment der Wahrheit gibt, dann liegt er in ihrem Spiel.

          Der Wikipedia-Eintrag über den Fall ist neunzehn Seiten lang. Man könnte Bücher darüber schreiben wie jenes, das Mary Mapes verfasst hat und auf dem Vanderbilts Film basiert, oder Dokumentarfilme drehen. Aber dann müsste man auf den Gesichtsausdruck verzichten, mit dem Cate Blanchett Robert Redford ansieht, als sie erfährt, dass er den Kampf um „60 Minutes“ aufgegeben hat. Das Kino ist nicht dazu da, die Akten zu schließen. Sein Sinn liegt darin, das menschliche Rätsel lebendig zu halten, das zwischen den Zeilen begraben liegt. Hier ist es gelöst.

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