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Kino : Das Wasser des Scheidens fließt, wohin es will

Soeben mit dem „Oscar” geehrt: das Kinowunder Nicole Kidman als Virginia Woolf in „The Hours” Bild: dpa

Virginia Woolf und ihre Schwestern im Unglück: Stephen Daldrys Film "The Hours" vernetzt Kino und Literatur. Nicole Kidman macht darin ihren Auftritt zu einem Kinowunder.

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          Vier Menschen sterben in diesem Film, zwei davon in Büchern, und alle durch Selbstmord. Der erste ist ein Dichter und Kriegsheimkehrer in Virginia Woolfs Roman "Mrs. Dalloway", entstanden 1923. Der zweite ist ein aidskranker Dichter von heute, der für seinen autobiografischen Roman einen renommierten Literaturpreis empfangen soll. Die dritte Person ist die Mutter des Dichters in diesem Roman. Die vierte Person ist Virginia Woolf.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Stephen Daldrys Film "The Hours" beginnt mit ihrem Freitod im März 1941. Die Schriftstellerin, eine schlanke Gestalt im hellen Mantel, läuft zum Ufer des Flusses Ouse, steckt sich zwei große Steine in die Taschen und watet ins Wasser. Man sieht ihren Körper in den Fluten treiben; die Strömung löst einen Schuh von ihren Füßen und trägt ihn davon. Läge nicht Philipp Glass' Musik wie ein Tränenschleier über diesen Bildern, wären sie noch einmal so bewegend in ihrer Schönheit, ihrer Ruhe, ihrer schlichten Präzision. Aber so ist der ganze Film: perfekt, mit einem Unterton von Angestrengtheit; gefühlvoll, mit einem Stich ins Sentimentale und Glatte. Die großen Melodramen, zuletzt Todd Haynes' "Dem Himmel so fern", lassen oft eine Lücke in ihrem erzählerischen Kalkül, ein Irgendwann der Liebe und des Wiedersehens, an das sich unsere Gerührtheit klammern kann. Bei Daldry gibt es nichts davon: Seine Gleichung geht auf ohne Rest.

          Wie der Tag begann

          Vier Menschen sterben in "The Hours", aber die zwei wichtigsten, die Heldinnen des Films, überleben: Laura Brown (Julianne Moore) und Clarissa Vaughan (Meryl Streep), eine Hausfrau im Los Angeles der fünfziger Jahre die eine, eine Hausfrau im New York der Gegenwart die andere. Die eine beginnt ihren Tag damit, daß sie, im Bett liegend, den Roman "Mrs. Dalloway" zur Hand nimmt; die andere eilt zum Blumenkauf für die Preisverleihungsfeier ihres Freundes Richard (Ed Harris). "Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen." So beginnt der Tag bei Virginia Woolf. Clarissa, die mit Woolfs Heldin den Vornamen teilt, wird von ihrem Dichterfreund gern Mrs. Dalloway genannt.

          Michael Cunninghams vor fünf Jahren erschienener Roman, den der Film umsetzt, funktioniert wie ein klassisches Gedicht: die Namen, die Dinge, die Geschichten reimen sich. Laura, hochschwangere Mutter eines Sohnes und entfremdete Ehefrau eines Kriegsheimkehrers, erkennt ihr wunschloses Unglück in den Londoner Tagträumen Clarissa Dalloways, während Clarissa Vaughan von ihrem Freund, dem Dichter, als Wiedergängerin der Woolfschen Figur erkannt wird. "Das Leben einer Frau in einem einzigen Tag" wollte Virginia Woolf, angeregt durch den "Ulysses" von Joyce, in ihrem Roman - der den Arbeitstitel "The Hours" trug - erzählen. Cunningham hat daraus drei Leben, drei Frauen, drei Tage gemacht. Denn zwischen die Wintertage der Woolf-Leserinnen schiebt er den Frühsommertag des Jahres 1923, an dem der erste Satz von Virginia Woolfs Roman entsteht. So wird die Autorin zur Fiktion in einer fiktiven Lektüre ihrer Fiktionen. Daß Cunninghams Buch trotz alledem ein Massenpublikum fesselte und den Pulitzerpreis gewann, ist ein Wunder der Literatur, aber auch eine Konsequenz seines klaren, sinnlichen, selten geschwätzigen Stils.

          Die Evidenz des Spiegels

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