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Kino : Claude Chabrol - ein Altmeister und sein Erfolgsgeheimnis

  • -Aktualisiert am

Kennerder menschlichen Abgründe: Claude Chabrol Bild: dpa

Seit vierzig Jahren dreht Claude Chabrol Filme. Seine Handschrift hat sich kaum verändert. Trotzdem wird bis heute jeder seiner Filme wie ein Ereignis erwartet. Was ist das Erfolgsrezept dieses Altmeisters?

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          Sein Ideal wäre es, hat er einmal gesagt, nach der letzten Klappe seines aktuellen Filmes “Coupez!“ zu rufen - und dann einfach zu sterben. Keine Sorge, Chabrol ist gewohnt vital, sein 52. Film “Süßes Gift“ läuft diese Woche in den deutschen Kinos an.

          Claude Chabrol war einer der ersten unter den französischen Regisseuren der Nouvelle Vague, die seit Mitte der fünfziger Jahren das Kino grundlegend und nachhaltig erneuerten. Angefangen hat der gebürtige Parisien Chabrol (im Juni letzten Jahres feierte er seinen 70. Geburtstag) als Filmkritiker bei der innovativen Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“. Dank einer Erbschaft seiner ersten Ehefrau war es ihm bald möglich, die trockene Theorie zu verlassen und seiner Berufung zum „Praktiker“ zu folgen. 1957 realisiert er seinen ersten Spielfilm “Die Enttäuschten“. Das im Stile des „armen“ italienischen Neorealismus inszenierte Drama wird bei den Filmfestspielen von Locarno ausgezeichnet. Der Nachfolgefilm „Schrei, wenn Du kannst“ (1959) erringt den Goldenen Bären bei den Berliner Filmfestspielen. Das war der Auftakt zu einer furiosen Karriere als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent . Rund 35 Jahre Filmschaffen brachten 52 Spielfilme hervor, darunter auch viele Auftragsarbeiten fürs Fernsehen.

          Ein wahrer Überzeugungstäter

          Die Familie Chabrol lebt für den Film: Sohn Mathieu arbeitet als vielgebuchter Filmkomponist (gerne auch für den Vater), Claude Chabrols jetzige Ehefrau Isabelle Huppert ist seit “Die Spitzenklöpplerin“ (1977) seine bevorzugte Darstellerin. Chabrol, der nie eine Filmakademie besucht hat, handelte stets aus reiner Liebe zum Kino. Daher hielt er sich nie dogmatisch an das Konzept des Autorenfilms (der Regisseur ist zugleich der Drehbuchautor) wie beispielsweise Godard, Truffaut oder Rohmer. Anders als seine avantgardistischen Kollegen war Chabrol außerdem fasziniert von trivialen Motiven (“Fantomas“, 1979) und von klassischen Vorlagen (Goethes “Wahlverwandtschaften“, 1982). Chabrols Filmkunst verhält sich stets “systemimmanent“, das heißt sie bewegt sich im Medium des Kinos selbst; seine Filme stellen das System „Kino“ nicht in Frage, sondern reagieren darauf. Letztlich macht Chabrol populäres Kino, weil das Populäre dem Kino als Massenunterhaltung entspricht.

          Fassbinder nannte Chabrol einen “Insektenforscher“

          Wenn Chabrol das Bürgertum schonungslos seziert, dann bewegt er sich ebenfalls in seinem System: Aufgewachsen in der gehobenen Mittelklasse von Paris, kennt er die Spielregeln seiner Kaste nur zu gut. Seine wichtigsten Filme, wie etwa “Der Schlachter“ (1970), brillieren durch diese wertvolle Kennerschaft. Bestechend präzise ist seine schonungslose Musterung der „Spezies Bourgeois“. Rainer Werner Fassbinder, ein erklärter Verehrer des „Film Noir“ , verglich ihn treffend mit einem Forscher, der seine Protagonisten wie widerliche und zugleich faszinierende Insekten beobachtet.

          In enzyklopädischem Maße exzerziert Chabrol sein Lieblingsmotiv, die Entlarvung der Doppelmoral seiner Klasse - was ihn nicht daran hindert, als Lieblingsgericht “Omelett mit Trüffeln“ anzugeben. Ein bezeichnender Widerspruch, der sicherlich den unnachahmlichen Reiz seines Oeuvres ausmacht: Stilistisch streng inszeniert, klaffen hinter der eleganten Fassade unmoralische Untiefen auf. Chabrol selbst formulierte es einst so: “Ich hasse die Bürger, ich bin selbst einer von ihnen. Deshalb räche ich mich.“

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