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Kino : Bergsteiger zwischen Leben und Tod: Kevin Macdonalds Dokumentarspielfilm "Sturz ins Leere"

Es ist ein Stoff wie für eine antike Tragödie: Zwei Männer sind mit einem Seil verbunden, der eine oben, das Gewicht des anderen mit seinen Händen haltend. Und nun stellt sich die verzweiflungsvolle Frage, ob der eine sein Leben verlängert, indem er das Leben des anderen opfert.

          Es ist ein Stoff wie für eine antike Tragödie: Zwei Männer sind mit einem Seil verbunden, der eine oben, mit seinen Steigeisen in einen vereisten Abhang verkeilt, das Seil über eine Seilbremse mit dem Klettergurt vertäut, das Gewicht des anderen mit seinen Händen haltend; dieser andere unten, zu weit entfernt, als daß sie im tosenden Sturm einander zurufen könnten, tief unten also, zwischen einer Felskante und dem Abgrund einer Gletscherspalte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Fingerkuppen sind ihm angefroren beim Versuch, einen Prusik-Knoten zu schnüren, um sich am Seil nach oben zu hangeln, vergebens. Und nun ist er der Ohnmacht nahe. Es ist eine ausweglose Situation. Denn es stellt sich erst gar nicht die Frage, ob die beiden überleben können, sondern bestenfalls, ob der eine sein Leben verlängert, indem er das des anderen opfert - verlängert, weil wenig dafür spricht, daß er es allein hinunter ins Tal schaffen wird. So vergehen Stunden, die Nacht bricht herein, und die Temperatur fällt mit jeder Minute tiefer in den Bereich arktischer, unmenschlicher Kälte. Einer Kälte, in der beide über kurz oder lang zu Skulpturen erstarren werden. Das war 1985.

          "Touching the Void" heißt das Buch, das der englische Bergsteiger Joe Simpson drei Jahre später schrieb: die Leere berühren. Damit mag auch die Leere im Nichts zwischen Klippe und Abgrund gemeint sein, also zwischen Himmel und Erde. Aber vor allem geht es um die Leere im Kopf, wenn die Gedanken zu kreisen aufhören und die Welt auf einmal ganz weit entfernt ist. "Sturz in die Tiefe" heißt die deutsche Übersetzung, und so heißt nun auch der Film, in dem der Regisseur Kevin Macdonald 106 Minuten lang das Gebirgsdrama nacherzählt. Der Titel verrät es: Der Bergsteiger oben am Seil zieht irgendwann ein Messer. Dann geht alles sehr schnell. "Es brauchte keinen Druck. Das straffe Seil explodierte, sobald die Klinge es berührte, und ich flog rückwärts in den Sitz hinein, als die Zugspannung nachließ. Ich zitterte", liest man im Buch.

          Im Film sieht man einen Körper über die Leinwand fegen. Binnen Sekunden wechselt mehrmals die Perspektive. Der Körper zuckt. Stürzt von der Kamera weg. Stürzt auf die Kamera zu. Eis kracht. Schnee stäubt. Splitter jagen durchs Bild wie Schrapnell. Auch dem Zuschauer wird der Boden unter den Füßen fortgerissen. Das sei nicht Teil des Spielplans gewesen, wie sie ihn entworfen hatten, sagt Joe Simpson im Film. Er sagt es trocken; nein: lakonisch. Lakonie ist die vorherrschende Stimmung des gesamten Films.

          Man wundert sich nicht, daß Tom Cruise Interesse daran gezeigt hat, "Sturz ins Leere" zu verfilmen. Aber es überrascht auch nicht, daß er die Idee wieder verworfen hat. Dies ist nicht der Stoff für Draufgängertum. Es brauchte einen Dokumentarfilmer, um der Situation gerecht zu werden und den richtigen Ton zu treffen. Kevin Macdonald interpretiert die Geschichte nicht. Er stellt sie nach.

          Losgezogen waren Joe Simpson und Simon Yates, damals fünfundzwanzig und einundzwanzig Jahre alt, um sich durch die Erstdurchsteigung der Westwand des 6344 Meter hohen Siula Grande in Bergsteigerkreisen einen Namen zu machen. Von alpinistischer Besonnenheit war ihr Abenteuer kaum geprägt. Zweifelhaften Ruhm ernteten sie für das Martyrium, das sie beim Abstieg durchlitten, vor allem Simpson, der sich mit zersplittertem Knie aus der Gletscherspalte befreien konnte und sich ohne Wasser oder Lebensmittel im Laufe von drei Tagen mal auf dem Bauch, mal auf dem Rücken erst durch das Labyrinth des Gletschers und dann über die Felsen der Moräne zu den Zelten robbte. "Sturz ins Leere" ist vor allem die Geschichte einer grenzenlosen Qual.

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