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Kindesmisshandlung : Das geschah mit Baby P.

  • -Aktualisiert am

Blutverschmierte Kleidung von Baby P. Bild: AFP

Das Schicksal eines siebzehn Monate alten Jungen, der in seinem blutbespritzten Bett tot aufgefunden wurde, trifft die Briten ins Mark. Das Kind wurde Opfer der Bürokratie und einer Abhängigkeitskultur, die eine Unterschicht am Dauertropf des Sozialstaates hält.

          Das Kind hat keinen Namen. Es wird aus rechtlichen Gründen bloß als Baby P. bezeichnet. Aber das Schicksal des siebzehn Monate alten Jungen, der im August vergangenen Jahres in seinem blutbespritzten Bett tot aufgefunden wurde, trifft die Briten ins Mark, nicht nur wegen des unvorstellbaren Leids, das die Mutter, deren Lebensgefährte und ein Mitbewohner dem Kind vor den Augen des Beamtentums zufügten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als Todesursache ließe sich nennen: erdrosselt von der Bürokratie und Opfer der Abhängigkeitskultur, die eine Unterschicht am Dauertropf des Sozialstaates hält. Baby P.s Mutter ist siebenundzwanzig Jahre alt und scheint nie richtig gearbeitet zu haben. Statt sich um ihr Kind zu kümmern, durchforstete sie das Internet nach Pornographie. Von dem Vater lebte sie getrennt. Ihr Freund war ein des Lesens und Schreibens unkundiger Sadist, der nationalsozialistische Memorabilien sammelte und lebende Frösche enthäutete. Das Paar teilte seine verwahrloste Sozialwohnung mit einem Untermieter, der seine minderjährige Freundin mitbrachte.

          Sechzig Besuche von den Behörden

          Baby P. erhielt sechzig Besuche von den verschiedenen Behörden, die mit dem Fall befasst waren. Dennoch fiel das Kind dem System zum Opfer. Die Mutter überlistete die Sozialdienste, es haperte an der Kommunikation zwischen den einzelnen Stellen, zudem war grobe Inkompetenz im Spiel. So übersah eine Ärztin trotz der Schmerzensschreie achtundvierzig Stunden vor dem Kindstod die gebrochene Wirbelsäule und acht gebrochene Rippen. Vier Tage, bevor Baby P. starb, besuchte eine Sozialarbeiterin die nach Urin stinkende, von Flöhen überlaufene Wohnung. Die Mutter hatte das Gesicht und die Hände ihres Sohnes mit Schokolade beschmiert, um seine Prellungen zu verbergen. Eine dick aufgetragene weiße Salbe kaschierte eine Kopfhautinfektion. Der Junge litt außerdem an einer Ohrenentzündung. „Aber“, so notierte die Beamtin, „es schien ihm gut zu gehen. Er lächelte, als ich ihn ansprach.“

          Von geradezu atemraubender Dickfelligkeit zeugt die Äußerung der für den Kinderschutzdienst zuständigen Beamtin der Gemeinde Haringey im Norden Londons, wo Baby P. die letzten neun Monate seines Lebens auf einer Liste gefährdeter Kinder stand. Der Junge sei von Mitgliedern seiner eigenen Familie getötet worden, nicht vom Sozialamt, erklärte Sharon Shoesmith. Sie nannte es eine „traurige Tatsache“, dass „wir Menschen, die entschlossen sind, Kinder zu töten, nicht daran hindern können“. Sie sei überzeugt, dass die Maßnahmen, die zur Betreuung Baby P.s „ergriffen werden mussten, ergriffen wurden“. Statt ein Wort des Bedauerns zu äußern, geschweige denn den Rücktritt anzubieten, berief sie eine Pressekonferenz in einem Viersternehotel der Innenstadt ein, um anhand von Tabellen die Erfolge der Kinderschutzdienste von Harringey nachzuweisen.

          Untersuchung abgelehnt

          Sechs Monate nach dem Tod von Baby P. lehnte Frau Shoesmith eine Untersuchung des Falles ab. „In Hinblick auf die guten Leistungen wäre eine genaue Prüfung weder vorteilhaft noch wertschöpfend für den Dienst“, heißt es in einem an die Öffentlichkeit gedrungenen Schreiben. Als dann doch eine Untersuchung angeordnet wurde, hatte Frau Shoesmith den Vorsitz des Gremiums inne - kein Wunder, dass es die Sozialdienste von Harringey exkulpierte. Die Haltung verblüfft umso mehr, als Harringey bereits vor acht Jahren durch den ähnlich grausamen Tod der achtjährigen Victoria Climbié öffentliche Empörung erregte. Das kleine Mädchen, das von der Elfenbeinküste in der Hoffung auf ein besseres Leben zu ihrer Großtante nach London geschickt worden war, starb an den Folgen brutaler Misshandlung durch ihre Betreuer. Damals wurde, wie jetzt, der Ruf laut, ein derartiges Unrecht dürfe nie wieder geschehen. Ein Untersuchung gab mehr als hundert Empfehlungen aus, darunter die Einrichtung neuer bürokratischer Ebenen, die Baby P.s Schicksal besiegelten.

          Der erschreckend gut dokumentierte Fall verweist über die systemischen Mängel hinaus auf eine Denkweise, die Prozeduren mit Verantwortung verwechselt. Das Ausfüllen von Formularen wird zum Selbstzweck, vor lauter Papierkram wird das Wohlergehen von Schutzbedürftigen aus den Augen verloren. Über solche Vorgänge mokierte sich schon Charles Dickens vor hundertfünfzig Jahren in seiner satirischen Darstellung einer typischen Regierungsabteilung: Das „Amt für Umschweife“ hatte die Kunst perfektioniert, mit aufwendiger Geschäftigkeit sämtliche Initiative zu ersticken. „Wenn noch eine Pulververschwörung eine halbe Stunde vor der Zündung des Streichholzes entdeckt worden wäre, wäre niemand befugt gewesen, das Parlament zu retten, bis das Amt für Umschweife eine halbe Stiege von Gremien, ein halbes Scheffel von Protokollen, mehrere Säcke voll offizieller Aktennotizen und eine Familiengruft ungrammatischer Korrespondenz vom Amt für Umschweife produziert hätte.“

          Von dieser Mentalität zeugen die Stellenanzeigen des „Guardian“, wo etliche Stellen mit Bezeichnungen wie „Gewährleistungsmanager, „Koordinator“ oder „Durchsetzungsmanager“ ausgeschrieben sind. Während Tausende von Angestellten der Privatwirtschaft derzeit entlassen werden, gibt es nicht das geringste Anzeichen für ein Schrumpfen des geschwollenen Beamtenkropfes.

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