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Kindersegen : Doch kein Wunder in Prenzlauer Berg

  • -Aktualisiert am

Der Schein trügt - sommerliche Szene in Prenzlauer Berg Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

In Prenzlauer Berg, wird gern erzählt, ist alles anders. Demographischen Prognosen zum Trotz stolpert man in diesem Berliner Stadtteil förmlich über kleine Kinder. Doch der Schein trügt.

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          Statistik und Augenschein stehen in einem komplizierten Verhältnis zueinander. Es kommt vor, daß erst die Statistik im Rauschen der Wirklichkeit jene Trends sichtbar macht, die dem Augenschein verborgen bleiben. Es passiert aber auch, daß Statistik nutzlos ist, weil sie einen zu kleinen Teil der Wirklichkeit beleuchtet. Dann ist der Augenschein überlegen. Was aber ist am Prenzlauer Berg los?

          Da sitzen in großer Zahl die jungen und junggebliebenen Mütter und Väter kleiner Kinder in den Cafes und trinken Latte macchiato, während der Nachwuchs schläft oder herumtollt. Auf den Bürgersteigen kommen dem Passanten häufig gleich drei junge Frauen mit drei Kinderwagen nebeneinander entgegen, platzgreifend, selbstbewußt, gut aussehend. Auf den Spielplätzen geht es fröhlich drunter und drüber, ständig ruft jemand nach einem Wilhelm oder Theodor, der im Gewühl verschwunden ist.

          Das Märchen von den „Prenzlzwergen“

          Hier, so scheint es, mußte niemand Ulrich Deupmanns neues Buch "Die Macht der Kinder" lesen, von dessen Cover den Betrachter graphisch prominent vor allem der Appell "Macht Kinder" anspringt. Es sieht fast so aus, als habe man kurzerhand das Buch vorweggenommen und ein wahrhaftes Kinderparadies mitten im kinderarmen Deutschland geschaffen, nördlich des nachwuchsfreien Bezirks "Mitte", der den Touristen, Geschäftsleuten und parfümierten Mittzwanzigern gehört.

          Kitas gab und gibt es in Prenzlauer Berg in Hülle und Fülle; sogar die Dienstleistungswelt stellt sich auf Kinder ein und bietet Spielflächen in Restaurants. Touristenbusse aus der deutschen Provinz, gefüllt mit ergrauten Insassen, fahren durch das Quartier, und durch die Panoramascheiben wird gestaunt, wie jung und kindlich die Welt sein kann. Und natürlich haben auch die Medien über den "Babyboom" und die vielen "Prenzlzwerge" berichtet.

          Weit hinter Cloppenburg

          Doch ein Kinderparadies ist Prenzlauer Berg keineswegs. Wer dort spazierengeht, muß Chlorophyll mit der Lupe suchen. Jedes bißchen Moos an einer Hauswand wird als staatliche Grünfläche ausgewiesen. Und auch Feinstaub in Kinderlungen dürfte ein Problem sein, weil es weit mehr Autos als Kinderwagen gibt. Es ist aber gar nicht das Offensichtliche, das den Mythos vom Kinderparadies in Frage stellt - das tut die brutale Statistik. Am Prenzlauer Berg mag es zwar so ausschauen, als seien die Frauen am fruchtbarsten und die Männer am zeugungswilligsten.

          Betrachtet man aber die Zahl der Kinder, die tatsächlich jedes Jahr pro tausend Frauen im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren zur Welt kommen, ändert sich das Bild dramatisch. Plötzlich sind da nur fünfunddreißig Schreihälse zu verzeichnen, während es das niedersächsische Cloppenburg immerhin auf sechsundfünfzig bringt.

          Den demographische Mythos erledigt

          Die Mitarbeiter des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung", die diese ernüchternden Daten aus staatlichen Statistiken destilliert und kühl analysiert haben, sind beileibe keine Miesepeter. Aber sie sind zu dem Ergebnis gekommen, daß die Kinderzahl in Prenzlauer Berg, würde man sie auf die ganze Republik hochrechnen, die Phänomene von Bevölkerungsschrumpfung und kollektiver Alterung nicht mildern, sondern verschärfen würde. Solche Analysen sind, seit sich die Gesellschaft ihrer fragilen demographischen Verfaßtheit bewußt geworden ist, in Mode gekommen.

          Atlanten werden erstellt, in denen die Vermehrungsfreudigkeit der Bewohner einer Region in farbigen Skalen verzeichnet ist. Darüber wird eine Vielzahl statistisch ableitbarer Faktoren gezeichnet, etwa das Angebot an Schulen oder die Wirtschaftskraft, woraus sodann ein Index der "Familienfreundlichkeit" errechnet wird. Man darf wohl bezweifeln, daß junge Eltern sich ihren Wohnort künftig wie aus dem Katalog nach der maximalen "Familienfreundlichkeit" aussuchen werden. Den demographische Mythos Prenzlauer Berg aber erledigt der Befund.

          Kaum Kinder über sechs

          Sogar im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, soziokulturell Lichtjahre von Prenzlauer Berg entfernt und lange vor der allgemeinen Vergreisungsangst nachgerade weltberühmt für seine Witwen, werden ungefähr so viele Kinder pro tausend gebärfähige Frauen geboren wie an den angeblich so fruchtbaren Hängen des Ostens. Selbst an so gänzlich unwahrscheinlichen Orten wie dem Volkspark Wilmersdorf, in den sich ein schickes Paar vom Kollwitzplatz wohl nie verirren würde, kann man Kleinst- und Kleinkinder in einer Zahl und Fröhlichkeit antreffen, die dem Szenebezirk in nichts nachsteht.

          Vor allem aber gibt es in Charlottenburg, anders im Ostbezirk, auch größere Kinder und Teenager. In Prenzlauer Berg hingegen sind Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren kaum vertreten. (Die höchsten Reproduktionswerte in Berlin, Werte zwischen vierzig und achtundvierzig, verzeichnen ohnehin Stadtteile mit hohem Ausländeranteil wie Wedding, Kreuzberg und Neukölln.)

          Nun kann man die Statistik nicht gegen jene jungen Menschen in Stellung bringen, die mitten in der Stadt leben und arbeiten und sich für Nachwuchs entscheiden. Auch Journalisten, die dem Charme der attraktiven Jungmütter vom Prenzlauer Berg erliegen, verdienen Milde. Doch der schöne Augenschein von entspannten Eltern mit fröhlichen Kindern in einer Loungeatmosphäre, die sich bis auf die Spielplätze erstreckt, sollte den Blick nicht unscharf machen. Auch die beste Autosuggestion kann über den alarmierenden Kindermangel nicht hinwegtäuschen.

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