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Kinderliteratur : Feindliche Übernahme

Der Leseeifer der Kleinen macht Hoffnung nach der Pisa-Studie Bild: Franz Bischof

Ab heute treffen sich 400 Experten für Kinder- und Jugendliteratur in Frankfurt. Sie haben allen Grund zur Freude: Ihre Bücher für Kinder und Jugendliche finden reißenden Absatz. Doch es sind die Erwachsenen, die sie lesen.

          Wenn sich von morgen an vierhundert Literaturwissenschaftler aus fünfzig Nationen in Frankfurt zu einer großen Tagung treffen, dann haben sie allen Grund, zufrieden mit sich und der Welt zu sein. Sie alle sind Experten für Kinder- und Jugendbuchforschung, sie alle konnten in den letzten Jahren erleben, wie ihr früher belächelter Forschungsgegenstand einen ungeheuren Bedeutungszuwachs erfuhr, sie alle müssen niemandem mehr erklären, warum sie sich nicht lieber mit „richtiger Literatur“ beschäftigen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Gründe dafür wurzeln allerdings nicht im Ästhetischen, in der plötzlichen Erkenntnis etwa, welches literarische Genie in Gestalt von Otfried Preußler unter uns weilt, sondern im Gesellschaftlich-Wirtschaftlichen: Zum einen mündete der Pisa-Schock in eine geradezu messianische Heilserwartung, die sich ans frühe Lesen knüpft. Lesen sollen sie, die potentiellen Schulabbrecher und Bildungsversager, lesen, was das Zeug hält, um das Ruder noch einmal herumzureißen, ganze Jahrgänge vom Fluch des Illiteratentums zu erlösen und die Wirtschaft vom Fachkräftemangel gleich mit.

          Was, wenn diese Selbstläufer einmal wegfallen?

          Gleichzeitig knüpfen sich an die Kinder- und Jugendliteratur in einem strauchelnden Buchmarkt handfeste materielle Erwartungen: Um satte 24 Prozent wuchs der Umsatz, der mit Literatur für junge Leser in Deutschland erzielt wird, im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahr, ermittelte Media Control. Ein Traumergebnis in einem kriselnden Umfeld – mit Kinder- und Jugendbüchern kann man ganze Verlagshäuser sanieren, vom Buchhandel nicht zu reden, und viele Verlage gründen gerade fleißig neue Imprints für sogenannte „All-Age-Bücher“, um den Trend nicht zu verschlafen. Der Anteil von Kinder- und Jugendbüchern am Gesamterlös liegt derzeit bei rund fünfzehn Prozent, bei den Auslandslizenzen sieht es sogar noch besser aus, und der Kult, der unter dem wohlwollenden Lächeln der Erwachsenen um Autorinnen wie Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder Stephenie Meyer betrieben wird, ist ebenfalls eine neue Erscheinung: Zum Popstar werden durch Jugendbuchschreiben, wer hätte das vor zehn Jahren für möglich gehalten? Und wer hätte gedacht, dass nach dem Harry-Potter-Finale mit den „Biss“-Büchern wieder eine Jugendbuchserie die Bestsellerlisten monatelang anführen würde?

          Joanne K. Rowlings „Harry Potter” ist bei Erwachsenen sehr beliebt

          Wer sich davon nicht einlullen lässt, erkennt freilich genau darin eine massive Gefahr. Denn zum einen hängen der wirtschaftliche Erfolg und die beeindruckenden Plazierungen am seidenen Faden einiger weniger Titel: Die schreibende Mormonin Stephenie Meyer ist mit ihrer Vampir-Schmonzette gleich viermal vertreten, die gediegenere „Tintenwelt“Trilogie von Cornelia Funke immerhin zweimal, und dann gibt es da noch Rowlings „Die Märchen von Beedle dem Barden“. Was, wenn diese Selbstläufer einmal wegfallen, jetzt, wo alle drei Serien an ihr Ende gekommen sind?

          Literatur, die sich nur scheinbar an Kinder richtet

          Schwerer aber wiegt, dass Buchverkäufe allein offenbar noch keine neuen Leser machen: Einer Prognose der Stiftung Lesen zufolge, im Frühjahr 2009 publiziert, bekommt in Deutschland fast jedes zweite Kind niemals ein Buch geschenkt; ebenso hoch ist der Anteil der Familien, in denen selten oder nie vorgelesen wird. Wenn aber gleichzeitig immer mehr Bücher für junge Leser gekauft werden – wer liest sie dann, wenn nicht die, für die sie gedacht sind?

          Niemals zuvor interessierten sich so viele Erwachsene für die an Jugendliche adressierten Bücher – und niemals zuvor war der ehrwürdige Begriff „Kinder- und Jugendliteratur“ (KJL) so schillernd besetzt, so unklar in seinen Konturen. Warum ist es nicht mehr peinlich, wenn Erwachsene in der U-Bahn Fantasy-Romane lesen, die aus Jugendbuchverlagen stammen? Warum lesen sich die Eltern in der „Kinder-Uni“ fest, warum greifen sie zu den Bänden der „Was ist was“-Reihe, wenn sie endlich die Sache mit dem Genom verstehen wollen? Wenn KJL, anders als inhaltlich definierte Genres wie Lyrik, historische Romane oder Biographien, rein auf das Alter ihrer Leser bezogen ist – müsste man den Begriff nicht in dem Moment aufgeben, da Erwachsene sie für sich entdecken, ohne die geringste Absicht, sie mit der anvisierten Zielgruppe zu teilen? Und vor allem: Kann all dies an der Substanz der Texte vorbeigehen? Natürlich ist es keine neue Erscheinung, dass Erwachsene im Jugendbuchmarkt den Ton vorgeben. Sie sind es in der Regel, die die Bücher schreiben, verlegen und in die Buchhandlungen befördern. 95 Prozent der verkauften Bücher werden von Erwachsenen erworben. Neu ist aber, dass sie sie jetzt auch lesen. Entsteht dabei nicht zwangsläufig eine Literatur, die sich nur scheinbar an Kinder richtet, in Wahrheit aber nach den Erwachsenen schielt?

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