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Kinderbetreuung : Fräulein Coulibaly und ich

  • -Aktualisiert am

Begehrt: die gute Kinderfrau Bild: AP/The Plain Dealer, John Kuntz

Eine Rabenmutter in Paris: Wie die Suche nach dem eigenen Weg und nach der richtigen Kindererziehung die Fragilität der menschlichen Existenz aufzeigen kann - und warum man manchmal besser schweigt.

          6 Min.

          Fräulein Coulibaly hatte sich als erste auf die Stellenanzeige im christlichen Familienblatt gemeldet. Sie trug eine Nylonperücke und künstliche Fingernägel wie ein Filmstar. Ihre Rundungen hatte sie zum Vorstellungstermin in enge Teilchen aus Jeansstoff gepreßt. Fräulein Coulibaly war vor einigen Jahren aus Kamerun nach Paris gekommen, um Kosmetikerin zu werden. Den Traum hatte sie noch nicht aufgegeben, wie sie freimütig berichtete.

          Weil die Pariser Schönheitssalonbetreiber für ihre weißhäutigen Kundinnen aber nur weißhäutige Kosmetikerinnen einstellten, war Fräulein Coulibaly seither notgedrungen immer wieder in andere Dienstleistungsberufe ausgewichen. Pommes-frites-Mamsell, Bügelfrau in einer Wäscherei, Altenpflegerin. Kleine Kinder betreuen, das könne sie sich auch gut vorstellen, sagte sie strahlend.

          Gute deutsche Vorsätze

          Grau ist alle Theorie. Beim ersten Kind hatte die Rabenmutter noch versucht, eine gute deutsche Mutter zu werden. Auf unbestimmte Zeit zu Hause, keine fremden Leute, kein Zucker, keine Antibiotika. Schon nach wenigen Wochen war sie sehr froh, daß die Putzfrau fünf eigene Kinder großgezogen hatte. Vieles wußte sie einfach besser. Wenn die Putzfrau morgens kam, ging die Rabenmutter ins Cafe, las Zeitung und atmete auf.

          Nachmittags nahm sie ihre guten deutschen Vorsätze wieder auf und ging mit dem Kind an die „frische Luft“. Sie schob den Kinderwagen durch die Straßen von Paris, Bastille, Ile Saint-Louis, Place des Vosges. Meistens war sie allein. Andere Mütter schoben ihre Kinder nie spazieren. Sie arbeiteten. Auf dem Spielplatz saßen die „Nounous“, nach Herkunftsländern sortiert, und schwatzten. Der Rabenmutter war langweilig.

          Schwierige Suche

          Nach wenigen Monaten beschloß sie, wieder zu arbeiten. Aber das Kind? Etwa in eine Krippe? Kam nicht in Frage. Die Rabenmutter war in West-Berlin aufgewachsen, das prägt. Großmütter, Tanten und andere Verwandte hatte sie nicht in Paris. Also erinnerte sie sich an die Ratschläge ihrer berufstätigen deutschen Freundinnen und suchte eine gestandene Kinderfrau. Kein junges Mädchen, sondern eine Frau zwischen vierzig und fünfzig, die selbst Kinder gehabt hatte, die kochen und einkaufen konnte. Das mußte es in Paris doch geben.

          Die Rabenmutter wußte nicht, wo sie mit der Suche anfangen sollte. Sie fragte die Putzfrau, die vorher als Kinderfrau gearbeitet hatte. Die Putzfrau wollte jetzt aber lieber Putzfrau sein. Sie arbeitete sieben Tage in der Woche, am liebsten schwarz, um ihre fünf Kinder auf den Philippinen zu unterstützen. Drei waren noch in der Ausbildung, eines war krank. Wenn sie nur bei einer Familie arbeitete, und das auch noch sozialversichert, verdiente sie nicht genug.

          Nadia mit der Engelsgeduld

          Da traf die Rabenmutter eine Nachbarin, die eine Nichte hatte, die studierte Betriebswirtschaft in Paris und wollte ein bißchen Geld verdienen. Dreiundzwanzig Jahre alt, einen Bruder und fünf Schwestern. Der Vater arbeitete im Landwirtschaftsministerium in Rabat. So kam Nadia ins Haus, jeden Nachmittag. Der Rabensohn und Nadia mochten einander bald sehr gern.

          Nadia hatte Engelsgeduld. Sie war zuverlässig, hübsch und gläubig. Nadia trug kein Kopftuch, sondern einen kurzen Rock - auch wenn sie im Ramadan fastete. Nach einem Jahr erzählte sie von ihrem „Verlobten“, der in London studierte. Die Verlobung hatten die Eltern arrangiert. Sie kannte ihn nicht. Jedes Jahr im August fuhr Nadia für vier Wochen nach Marokko. Sie wolle wieder etwas Schönes aus dem Ferien mitbringen, versprach sie dem Kind - und blieb für immer fort.

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