Till Lindemanns Verlag : Macht Geld blind?

Wir haben Post vom Anwalt bekommen. Denn im Artikel über den Rockstar Till Lindemann und sein Porno-Video stand, das Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch (KiWi) habe „scheinheiligerweise“ so getan, als habe es von dem Video erst soeben erfahren; kurz bevor es Lindemann die Zusammenarbeit aufkündigte. Das Video kam im Jahr 2020 heraus, wenig später veröffentlichte KiWi einen Band mit hundert Gedichten Lindemanns.
In dem Video selbst ist ein ebenfalls von KiWi verlegter Vorgängerband mit Lindemanns Lyrik in die insgesamt sadistische Choreographie mit einbezogen. Der Anwalt schreibt uns nun, es sei unwahr, dass der Porno der Verlegerin oder dem Lektor und früheren Verleger schon vorher bekannt gewesen sei.
Das heißt mit anderen Worten: Bei KiWi liest man weder die „Bild“-Zeitung („Lindemann schockt mit Porno-Video“), noch die „BZ“, die „Gala“, die „Brigitte“, „Bild der Frau“, t-online, Focus-Online, „Blick“, die „Südwestpresse“, Vorarlberg-Online, den „Standard“, „L’essentiel“ oder bluewin. Überall dort wurde nämlich über Lindemanns Porno schon im Februar 2020 berichtet. Na, wer weiß, vielleicht liest man im Hause KiWi, wo man sich einst sicher war, der Vergewaltigungstraum in einem Gedicht Lindemanns sei bloß von dessen „lyrischem Ich“ geträumt worden, tatsächlich nur Poetica, die Modern Language Notes und, wie jetzt bewiesen, die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Doch sollte es im weitverzweigten Netzwerk des früheren Verlegers und der jetzigen Verlegerin wirklich niemanden, aber auch gar niemanden geben, der ab und zu in die „Bild“-Zeitung schaut und ihnen schreibt oder sagt: „Schau Dir das mal an“ oder „Was ist denn da bei euch los?“ oder einfach nur „Stimmt das wirklich?“ Sind alle schon so abgebrüht? Und sollen wir glauben, Helge Malchow habe seinen Verlag ganz welt- und prominenzabgewandt geführt, ohne Ohr für den Boulevard, ohne Leute, die ihm Tratsch zutragen, ohne Google-Alert für Neues von Till Lindemann, sondern ganz aufs lyrische und verlegerische Ich konzentriert.
So elfenbeinern kam uns der Verlag bislang gar nicht vor. Wir haben ihn uns viel interessierter an der Öffentlichkeit vorgestellt, viel aufmerksamer auf das, was so geredet, und viel wacher für das, was berichtet wird. Immerhin ist der Autor, an dessen lyrischem Ich man verdient, ja sowohl ein Weltstar wie ein Mann des Exzesses. Oder wusste man von Letzterem bei KiWi auch erst jetzt etwas? Man sagt immer, Liebe mache blind. Geld vielleicht auch.
