https://www.faz.net/-gqz-9e2o1

Khaled Hosseinis neuer Roman : Flucht über das Meer

  • -Aktualisiert am

Khaled Hosseini: Ein Mann, drei Bücher, eine Lebensgeschichte. Bild: AP

Mit dem Roman „Der Drachenläufer“ wurde Khaled Hosseini berühmt. Im neuen Buch „Sea Prayer“ geht es um verlorene Heimat und ein ertrunkenes Kind. Die Zuhörer in der Londoner Royal Festival Hall schlägt Hosseini damit in Bann.

          2 Min.

          Du meine Güte“, staunt Khaled Hosseini, als er die Bühne der Londoner Royal Festival Hall betritt und sieht, wie viele Menschen zur Präsentation seines jüngsten Buches gekommen sind. Bei seiner ersten Buchvorstellung hätten fünf Seelen in einer Bostoner Buchhandlung gesessen, erzählt er.

          Das war 2003, als sein erster Roman, „Der Drachenläufer“, erschien. Damals hatte Hosseini die internationalen Bestsellerlisten noch nicht erobert. Inzwischen ist der gebürtige Afghane eine Weltgröße mit 55 Millionen verkauften Exemplaren in mehr als siebzig Ländern. Diesmal geht es um einen schmalen illustrierten Band, dessen deutscher Text sich auf rund sechshundert Wörter beläuft. Hosseini gesteht, ihn an einem Nachmittag geschrieben zu haben. In diesen Zeilen kristallisieren sich jedoch die Erfahrungen und Empfindungen einer Lebenszeit.

          Hosseinis drei Romane belegen, dass er weiß, was es heißt, die Heimat zu verlieren. Er erzählt, wie die neunköpfige Familie in Paris, wohin der Vater als Diplomat entsandt worden war, im Fernsehen die Schwarzweißbilder des Einrollens der sowjetischen Panzer in Afghanistan gesehen habe. Ihm sei als Vierzehnjähriger an jenem Dezembertag 1979 mit einem Schlag bewusst geworden, dass sich sein Leben für immer verändert habe.

          „Am Abend vor dem Meer“ liest sich wie ein Kinderbuch oder ein Gedicht. Auf Englisch heißt die Geschichte von dem syrischen Vater, der mit seinem kleinen Sohn und anderen verzweifelten Existenzen, „Afghanen und Somalier und Iraker und Eritreer und Syrer“, wie Tausende und Abertausende von Menschen vor und nach ihnen über das Meer fliehen will, denn auch „Sea Prayer“.

          Es ist das von Wehmut, Hoffnung und Angst getragene Gebet eines Vaters für den Sohn, der auf dem kalten Strand im Mondlicht arglos schläft, während sie auf die Überfahrt ins Ungewisse warten. Den Anstoß für das Buch gab das Schicksal des kleinen Alan Kurdi, dessen Leiche 2015 an den türkischen Strand gespült wurde. Vor zwanzig Jahren wäre seine Reaktion anders gewesen, bekennt Hosseini. Damals hatte er noch keine Kinder. Doch nun, da er Vater von zwei Söhnen sei, habe das Bild eine transformative Wirkung gehabt. Immer wieder habe er versucht, sich in den Vater von Alan hineinzuversetzen. Hosseini schildert, wie ihn das Bedürfnis überkam, einen Weg zu finden, den in diesem Bild erfassten Kummer zu würdigen, der für das Leiden Tausender anderer Familien stehe.

          Durch die Literatur sei es möglich, an die Menschen hinter den Statistiken zu erinnern und gegen die emotionale Abstumpfung anzugehen. Deswegen sei die Kunst, Geschichten zu erzählen, so wichtig. Hosseini erzählt an diesem Abend viele berührende Geschichten aus seiner Tätigkeit als Sonderbotschafter des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen, dem auch ein Teil des Erlöses aus dem Buch zufließt. In der Royal Festival Hall trat er weniger als Schriftsteller denn als humanitärer Helfer auf. Das Publikum wollte es auch gar nicht anders haben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.