https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kevin-kuehnert-die-enteignung-der-konzerne-und-die-rolle-der-zeit-im-umstrittenen-interview-16170511.html

Jungsozialist Kevin Kühnert : In Hamburg durchgefallen

Kevin Kühnerts Ideen erhitzen die Gemüter. Bild: dpa

Wer hat im Interview zwischen dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert und der „Zeit“ die Enteignungen ins Spiel gebracht? Es war wie eine Abiturprüfung - hier zwei unerschütterliche Routiniers, dort ein gewitzter Prüfling.

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          Zeitungen machen Schlagzeilen. So auch jetzt die Wochenzeitung „Die Zeit“. Dem Interview auf Seite acht der aktuellen Ausgabe gab die Redaktion die Überschrift: „Was heißt Sozialismus für Sie, Kevin Kühnert? – Zum Beispiel die Kollektivierung von Firmen wie BMW, sagt der Chef der Jusos.“ Und so las man es dann auch in anderen Blättern: „Kühnert will BMW enteignen“ oder „will BMW kollektivieren“.

          Die Überschrift der „Zeit“ war in der Sache nicht falsch. Aber die Blattmacher hatten es auf eine Lenkung der Aufmerksamkeit abgesehen, die an Irreführung grenzt. Es war nämlich nicht Kühnert, der die Firma BMW als Beispiel in den Disput über die Möglichkeiten sozialistischer Politik einführte. Das Gespräch war nicht so abgelaufen, wie es die Überschrift nahelegte, wie man es aus dem Alltag kennt: Was bedeutet Glaube für dich, Patrick? – Zum Beispiel, dass der 1.FC Köln in die Bundesliga aufsteigt.

          Wo haben sie nur die Definition nachgeschlagen?

          Die Interviewer Jochen Bittner und Tina Hildebrandt brachten den Namen BMW in einer Nachfrage ins Spiel, nachdem sie Kühnert gleich zu Anfang souffliert hatten, dass er ja wohl die „Vergesellschaftung von Produktionsmitteln“ fordern müsse, wenn er den Sozialismus wolle. Das sei nämlich „die klassische Definition“. Wo sie die Definition nachgeschlagen hatten, sagten die beiden Journalisten nicht. Sie gingen das Interview wie eine Abiturprüfung an, mit dem Habitus von Routiniers, deren Überlegenheit und Abgeklärtheit kein Einfall des Prüflings würde erschüttern können.

          Kühnert ließ sich nicht verschrecken und nahm in seiner gewitzten Art einen Einwand vorweg, eine fixe Idee der Hamburger Oberlehrer: die Meinung, die sozialistische Analyse der Verhältnisse sei historisch überholt. Eine Selbsttäuschung, wenn man Kühnert fragt. „Der Grundsatz ist unverändert: Was unser Leben bestimmt, soll in der Hand der Gesellschaft sein.“

          Bei so viel demonstrativer theoretischer Standhaftigkeit mussten die Fragesteller Kühnert auf das Glatteis der Praxis locken. Also legten sie ihm Beispiele: vor „Dürfte es im Sozialismus BMW geben, die Deutsche Bank, Siemens?“ Wie die Resonanz auf das Interview zeigte, hatten die Interviewer die Stimmung großer Teile der berufsmäßigen Öffentlichkeit ganz richtig eingeschätzt. Ihre Frage mit den Beispielen enthüllt, was man in ihrem Milieu nicht in Frage stellen darf. In den Zeitungen findet man täglich neue Belege dafür, dass die Automobilindustrie ein gestörtes Verhältnis zu den Rechtspflichten hat, in denen das Gemeinwohl Gestalt annimmt. Gleichzeitig kündigt sich eine Revolution des Produkts an, die den gesamten Verkehr umkrempeln wird. In dieser Lage liegt es nahe, über die Verstaatlichung dieses Produktionszweigs nachzudenken, wenn man überhaupt über Verstaatlichung nachdenken will. Doch in den Augen von Hildebrandt und Bittner ist ein Autokonzern offenbar der abwegigste Kandidat – das Beispiel, mit dem sie Kühnerts Sozialismus ad absurdum führen wollen.

          Den Pendler zum Freiheitshelden stilisiert

          Wie ist das zu erklären? Wir bekommen hier die unheimliche Macht zu fassen, die das Kraftfahrzeug als Symbol des Individualismus ausübt. Wie der Pendler zum Freiheitshelden stilisiert wird, der täglich mit stundenlangem Stillstand sein Opfer für das Ideal der Mobilität bringt, so soll die Freiheit der Wirtschaft darin manifest werden, dass Einzelne und nicht alle am Geschäft mit den Autos verdienen.

          Die Profitmargen der Autobranche legitimieren die Politikredakteure der „Zeit“ mit der Figur des Erfinders aus dem Lesebuch für die Unterstufe: „Bleiben wir mal beim Beispiel BMW. Gegründet hat in der Regel nicht der Staat oder die Mehrheit so ein Unternehmen, sondern einer, der die Idee hatte und die Kosten sowie das Risiko des Scheiterns getragen hat. Das soll nicht belohnt werden?“ Die Dividenden der Aktionäre von Daimler-Benz sind demnach Risikoprämien – als hätte Gottlieb Daimler jeden in Stuttgart vom Band laufenden Wagen noch persönlich gebaut. Bei den Bayerischen Motoren Werken führt die Suche nach dem Gründer allerdings ins Nichts. Stattdessen stößt man darauf, wie viel der Staat schon vor dem ersten Autobau als Abnehmer von Rüstungsgütern für das Unternehmen getan hat.

          Das Urheberrecht als Prototyp des Privateigentums: Kein Wunder, dass diese Doktrin von Textarbeitern verbreitet wird. In den Fächern Sozialkunde und Politik wird die Phantasietätigkeit nach dem Lehrplan des Hamburger Pressehauses freilich nicht belohnt. „Hat es eine sozialistische Ordnung, wie sie Ihnen vorschwebt, schon jemals gegeben?“ Gibt’s gar nicht, hat der Kevin sich selbst ausgedacht, frech und frei erfunden wie der Wagen ohne Pferde oder ohne Fahrer.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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