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Kermanis Friedenspreisrede : Wir, der Westen

  • -Aktualisiert am

Navid Kermani bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche Bild: Reuters

Navid Kermani hat in der Frankfurter Paulskirche eine große, bewegende Rede gehalten. Sie fordert von uns ein neues Denken und Sprechen über den Islam.

          Die Rede Navid Kermanis, die Laudatio Norbert Millers und alles Wesentliche zur Auszeichnung findet sich auf den Seiten zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Internet.

          Der Islam bedarf endlich einer Aufklärung. Der Islam hat seine Reformation noch vor sich. Der Islam ist noch nicht in der Moderne angekommen. Der Islam führt einen Krieg gegen den Westen. So ist es schon Hunderte Male gesagt worden.

          Die große, bewegende Rede, mit der Navid Kermani für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gedankt hat, verlangt von uns, genauer zu formulieren. Die islamische Welt, so Kermani, werde nämlich in Wahrheit von einer inneren Auseinandersetzung erschüttert, einem Krieg gegen sich selbst, gegen seine besten Eigenschaften. Hier steht also nicht ein finsterer Traditionalismus gegen eine aufgeklärte Moderne. Was einst auf der Grundlage des Korans an Glaube, Moral und Intellektualität möglich gewesen sei, hat im Orient vielmehr gerade der moderne Islam verloren.

          Ein ungenaues Bild

          Das Problem des Islams, so Kermani, sei darum vielleicht weniger die Tradition als der vollständige Bruch mit ihr. Vielerorts vollendet der religiöse Fanatismus ein Zerstörungswerk, das auch den vom Westen begünstigten Modernisierungsdiktaturen des Nahen und Fernen Ostens nicht fremd war. Nur, dass im Namen der Religion jetzt deren Pluralität bekämpft wird und im Namen einer zu politischen Zwecken erfundenen Tradition die tatsächliche ausgelöscht. Nirgends wird das absichtsvoller vollzogen als in den Zerstörungen von Museen und antiken Tempelstätten durch den „Islamischen Staat“.

          Doch Kermanis Rede war nicht nur eine über den in sich zerfallenen Islam. Als zweites sichtbares Symbol für den Niedergang seines Geistes nannte er neben den zerstörten Altstädten die größte Shopping Mall der Welt, die in Mekka direkt neben der Kaaba erbaut wurde. Die Moderne selbst, hieß das, enthält Elemente der Zerstörung des Besten an ihr und ihrer Vorgeschichte. Die Tabula rasa, die jener Fundamentalismus macht, den Kermani bei seinen wahhabitischen, salafistischen und saudi-arabischen Namen nannte, ist kein Gegensatz zu modernen Rücksichtslosigkeiten – so wenig wie der „Islamische Staat“ ein Gegensatz zu Assad ist und der Westen ein Gegensatz zum Orient, wenn es um Erdöl, um die Finanzierung und um die Waffen für ihre Kriege geht. Das ungenaue Bild vom Kampf des Fortschritts mit den Mächten der Vergangenheit täuscht darüber hinweg, auf welche Weise wir, der Westen, in diese Kriege verstrickt sind.

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