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Kennedys ungehaltene Rede : So sah er am 22. November 1963 die Welt

Mit dem Licht im Bunde stößt er überall auf Irrlichter: John F. Kennedy wenige Wochen vor seiner Ermordung. Bild: dpa

In der ungehaltenen Rede von Dallas sieht man, was Kennedy sagen wollte und nicht mehr sagen konnte. Für Kennedy war Amerika eine Weltmacht, die mit dem Licht im Bunde war.

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          John F. Kennedy wurde erschossen, als er auf dem Weg zu einem Mittagessen mit reichen Bürgern von Dallas war. Er war zum Spendensammeln für seine Wiederwahl nach Texas gekommen. Im Dallas Trade Mart, einem 1958 erbauten Messegebäude, sollte er vor 2600 Gästen sprechen. Der Text der Rede, die der Präsident hatte halten wollen, wurde postum veröffentlicht. Stanley Marcus, der Gründer der Luxuskaufhauskette Neiman Marcus, ließ einen Privatdruck in einer Auflage von fünfhundert Exemplaren herstellen. Auf dem Titelblatt steht: „The Unspoken Speech“. Kennedys Redenschreiber hatten sein Vermächtnis aufgesetzt. Der Redetext zieht eine Bilanz seiner Präsidentschaft, stellt die Stellung der Vereinigten Staaten in der Welt so dar, wie der Präsident sie am 22.November 1963 sehen wollte.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Anfang steht ein Lob auf das Zusammenwirken von Industrie und Forschung als Dank an die Gastgeber, den Dallas Citizens Council, eine Vereinigung von Geschäftsleuten, und das Graduate Research Center of the Southwest. Kennedy rühmt die beiden Institutionen als „symbols of Dallas progress“, Symbole des Fortschritts von beziehungsweise in Dallas. Alliterierend spannt er „leadership and learning“ zusammen, um den Unternehmern aus dem Freundeskreis des Forschungszentrums schmeichelnd einzureden, sie seien Kollegen, Führer wie er. Aus der lokalen Wirtschaftsförderung springt er in die Weltpolitik. Auch dort komme es auf die Verbindung von Führungskraft und Wissen an.

          Aufklärung schlägt um in Antiintellektualismus

          Der Präsident plädiert für eine akademische Außenpolitik. Denn obwohl „learning“ das Substantiv zum Verb „to learn“ ist, ruft die Vokabel nicht zuerst eine Offenheit für neue Kontexte auf, die heute mit den Stichwörtern der Lernfähigkeit und Lernbereitschaft beschworen wird. Das Wort ist alt und bezeichnet im Kern das auf Wegen förmlicher Bildung erworbene Wissen, die Gelehrsamkeit. In Texas war die ideologische Opposition gegen den Präsidenten besonders stark. Hinter der Bezichtigung, er sei ein Schwächling, der den Kommunisten nichts entgegensetze, stand die Angst vor seiner Bürgerrechtspolitik. Der Redner dreht den Spieß um und stellt seine Feinde als unpatriotisch hin, indem er das nationale Interesse der Vereinigten Staaten mit der Sache der Aufklärung in eins setzt. Unwissenheit sei ein Sicherheitsrisiko.

          Wer Führung in den nationalen Angelegenheiten ausübe, müsse sich vom Licht der Vernunft und des Wissens leiten lassen, sonst würden diejenigen in der Öffentlichkeit die Oberhand gewinnen, „die die Rhetorik mit der Wirklichkeit und das Plausible mit dem Möglichen verwechseln“. Es gibt Leute, die Lösungen für alle Weltprobleme anbieten, doch was sie vorschlagen, ist unmöglich, obwohl es schlüssig klingt. Ein bemerkenswertes, fatales Zugeständnis. Wenn Plausibilitäten trügen, muss das Publikum sein Urteil an die nationalen Führer delegieren, deren überlegene Einsicht sich aus geheimen Wissensquellen speist. Die Politik als Kunst des Möglichen wird damit zum Geschäft mit dem Unplausiblen. Das Volk wird darüber belehrt, dass Misstrauen angebracht ist, wenn Konzepte einer alternativen Gestaltung der Verhältnisse zu gut aufgehen. So schlägt der aufklärerische Optimismus einer Weltideenpolitik in Antiintellektualismus um.

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