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Keith Richards zum Siebzigsten : Der eiserne Gammler

Forever old: Wahrscheinlich würde Keith Richards auch einen Atomkrieg überleben Bild: dpa

So darf man sich nicht anziehen, so kann man nicht dastehen, so soll man nicht Blues spielen? Keith Richards, unsterblicher Gitarrist der „Rolling Stones“, macht alles richtig.

          3 Min.

          Drei Handgriffe, gelenkschonend und zitterfrei kalibriert: Der wie im Schlaf - etwa zum Fliegenverscheuchen - geschlagene Auftakt von „Start me up“ (1981) fasst den raffiniert scheinprimitiven Stil aus sprechenden und singenden Gesten, der seit den sechziger Jahren als Handschrift des Gitarristen Keith Richards berühmt wurde, mit atemberaubender Beiläufigkeit zusammen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das kleine Schrabbelspiel ist so groß, dass die Kollegen von The Cult es sieben Jahre später einfach klauen und daraus ihren einsamen Gesamtwerks-Höhepunkt „Love Removal Machine“ bauen mussten. Denn was Keith Richards nebenher wegschmeißt, das hängen sich ärmere Eingeborene der mythischen Sumpflandschaft, in der krumme Hunde Tag und Nacht Rockmusik machen und hören, gern als Schamanenschmuck um ihre dreckigen Hälse.

          Was trägt er da auf dem Kopf?

          Hinhören lohnt sich bei ihm immer, auch wenn seine auf dem Flohmarkt zusammengesuchte Erscheinung davon leicht ablenkt: Wie dieser Mensch im zerfledderten Zentralriff von „Jumpin’ Jack Flash“ (1968) ein paar leise zirpenden elektrischen Grillen mit grinsendem Mutwillen die schimmernden Flügel ausreißt, wie seine bösen Blues-Fingerspinnen auf haarigen Beinchen in der Gitarrenintro-Version von „Time is on my Side“ (1964) durch eine liebeskranke Harfe staksen, deren Markenname eigentlich das deutsche Wort „Minne“ sein müsste - solche Kunst ruft das komplette menschliche Vokabular dafür ab, was sich alles mit der Hand machen lässt: abwinken, streicheln, etwas glätten oder aufdröseln, jemanden kneifen, kitzeln, jemandem eins auswischen, jemandem den Vogel zeigen, beten.

          Sind das Haare, oder kann man das rauchen?

          So viel zur Schönheit seiner Arbeit - aber was hat dieser Typ da eigentlich auf dem Kopf? Sind das Haare, oder kann man das rauchen? Nimmt er kalte Zigarettenasche, wo andere Festiger, Conditioner und Spray verwenden? Sakko zu Jeans, war das nicht schon falsch, bevor es in den Achtzigern alle Deppen trugen?

          Die Boys vom Bahnhof

          Und darf man sich beim Konzert so hinstellen: das Standbein eingeschlafen, das Spielbein halb ausgekugelt vor Verdrehtheit? Darf man schwanken wie ein kursives Fragezeichen, wenn man Mick Jagger eigentlich die Flanke sichern sollte? Darf man die Anschlagshand mit dem Ballen so flüchtig auf dem Steg plazieren, dass sie auf den Live-Großbildschirmen der Stadionauftrittsgegenwart immer aussieht, als wollte sie irgendwo anders hin, auch dann, wenn gerade gar keine Saite zum Schwingen gebracht werden will?

          Minimalistisches Gitarrenhandwerk: Sieht nur einfach aus

          Weiß Gott, ein stark verfranster Fraggle ist er, und das meint keineswegs nur Äußerlichkeiten. Die unausgesetzt gelebte Nachlässigkeit des ehemaligen Chorknaben, der Mick Jagger Anfang der sechziger mit Bluesplatten unterm Arm am Bahnhof traf und dort beschloss, mit ihm gemeinsam die Welt in anhaltendes Erstaunen zu versetzen, wird mit jenem Eifer gepflegt, der stets Merkzeichen innerer Notwendigkeit ist.

          Gelebte Lässigkeit

          Wenn Richards (zeitweise auch: Richard) sich 1978 für eine Verhandlung wegen Verstoßes gegen Rauschmittelverbote in Toronto mal einen Anzug mit Weste kaufen muss, dann wählt er dazu die schwärzestmögliche Sonnenbrille und schafft es dergestalt (wie ein Foto im Bildteil seiner großen Autobiographie von 2010 beweist), trotz Herrenausstattergütesiegel noch unregierbarer, staatenloser und gottvergessener auszusehen als im Seeräuber-T-Shirt (man denkt an die Beschwerde des Sklaventreibers Pozzo über seinen Diener Lucky bei Samuel Beckett, jener trage zwar die ihm anvertrauten Gegenstände und Kleidungsstücke, aber er trage sie „wie ein Schwein“).

          Das Gesicht, die Gesten: Keith Richards bei der Premiere von „Shine a Light“, 2008

          Man verwechsele das nicht mit Affektiertheit, es ist nur musikalisch zu begreifen. Bewegungen, Haltungen, Gesten zu Musik sind nämlich stets da besonders durchgeistigt, also besonders gut, wo sie von Kontrollverlust handeln, der Bewusstlosigkeit nahe kommen. Wie Fred Astaire, wenn er taumelt oder aussieht, als würde er vom Wind des Vergessens waagerecht durch die Welt geworfen, in Wirklichkeit extrem disziplinierten Schrittreglements folgt, so ist das ostentative Sich-hängen-Lassen bei Keith Richards eine Form von Yoga - man studiere nur einmal, wie und weshalb seine Rolling-Stones-Kollegen und sogar der Reggae-Sänger Peter Tosh im Video zu „Waiting on a Friend“ von 1981 im Vergleich zu ihm wie pflichtbewusste DDR-Postbeamte wirken.

          Zeit zählt nicht

          Die kultivierte Verlottertheit dieses Künstlers meint eine kontra-intuitive Einheit von Leistungsverweigerung und Willensstärke, deren musikhistorische Entsprechung natürlich die von den Rolling Stones insgesamt geleistete Kreuzung von einerseits Blues, also tief ins Fleisch schneidender seelischer Not, und andererseits zu allem entschlossener Libertinage ist. Ein silberner Totenkopfring, wie Richards ihn trägt, kann da Siegel des Wissens sein, dass bewusste Sterblichkeit immer aufs Unendliche hinauswill, in lustvoll destruktivem Selbstverschleiß.

          In lustvoll destruktivem Selbstverschleiß der Unendlichkeit entgegen: Richards’ Siegel des Wissens

          Die Abfolge der Lebensalter ist bei Richards, dessen Baumrindengesicht aussieht, als hätten mehrere längst tote Sonnen es getrocknet, keine natürliche gewesen: Bis zum dreißigsten Lebensjahr sieht er auf Bildern aus wie zwölf, von dreißig bis vierzig deckt sich sein biologisches Alter mit dem sichtbaren, mit vierzig wurde er schlagartig sechzig und seit dem tatsächlichen sechzigsten Geburtstag alterslos wie sein Sound. Heute nimmt er den Siebzigsten mit, im Vorübergehen.

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