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Wolf Biermann in Rom : „Ich kann kein Pazifist sein, das wäre eine lächerliche Pose“

Fühlt sich überwältigt von den Weltereignissen: Wolf Biermann Bild: Picture Alliance

Wolf Biermanns Besuch in Italien ist überschattet vom Krieg. Fast resigniert klingt er schon – und ruft dann „Paff!“ ins Mikrofon, um die Leute wieder wachzurütteln.

          4 Min.

          Die Stimme ist immer noch voll, der ergraute Schnauzbart ebenso. Seine Finger gleiten leicht über Hals und Saiten der Gitarre. Frei zitierte Reime und Anekdoten drängen aus ihm heraus, fast so treffsicher wie eh und je.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Seit einem halben Jahrzehnt ist Wolf Biermann offiziell „ein Greis“, wie er gerne kokettiert – nun 85 Jahre alt. Und fügt an, dass Immanuel Kant schon mit fünfzig in diesen Rang erhoben wurde. Die Geschichte geht ihren demographischen Gang. Doch altersmüde ist der Liedermacher, Sänger und Dichter, der vor halbironischen Vergleichen mit den Großen nie zurückschreckte, noch lange nicht. Das ist eine der Botschaften, die er bei einem mehrtägigen Besuch in Rom zurückließ.

          Nur der Narr hat keine Furcht

          Etwas Beklemmendes begleitete ihn aber bei seinen Stationen in Rom auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung, nämlich im Goethe-Institut sowie in der Botschaft der Bundesrepublik und der Deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl. Die Leichtigkeit ist weg. Das ist nicht ihm anzulasten, sondern den Zeitläuften. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht Angst, sondern die Angst hat mich“, sagt er. Bei der Angst komme es immer darauf an, wer wen habe. Wie schon Heinrich Heine schrieb, habe nur ein Narr keine Furcht, weil der nicht wisse, was ihm drohe. Biermann, der Furchtlose, der es als selbst ernannter „Drachentöter“ einst mit dem ganzen DDR-Regime aufnahm, fühlt nun einen Kontrollverlust und eine Überwältigung im Angesicht der Weltereignisse. Dabei sei er „ratlos“ geworden.

          Es bestehe die reale Gefahr, dass Putin „den roten Knopf drückt“. Er nennt den russischen Machthaber „das legitime Kind aus der Hochzeit von Stalin und Hitler“. Dabei stelle er sich vor, was Hitler in den letzten Tagen des Krieges gemacht hätte. „Hätte er die Atombombe geschmissen, wenn von Weizsäcker sie ihm gebaut hätte? Na klar hätte er sie geschmissen, hundertprozentig.“

          Tieftraurig sind manche von Biermanns Worten: „’s ist Krieg! Nun schließt mein Lebenskreis sich höllenwärts“, hat er in der „Elegie im 86. Jahr“ gerade erst gedichtet. Das Kriegskind kommt als Greis zum Krieg zurück. „Noch lach ich, mach mein Ding . . . und sing . . . ich, der Lebendigste! Leb nicht mehr gerne.“ Im gut besetzten Saal des Goethe-Instituts sagt er auch Sätze wie: „Meine Meinung ist nichts wert, denn ich bin ein alter Mann. Ich habe mein Leben gelebt, ich kann sehr gut sterben.“ Doch gleich danach brüllt er ins Mikrofon: „Paff.“ Denn der Mann will weiter wachrütteln, sich mitteilen. Wäre doch gelacht, wenn ein politischer Kopf, der zwei Diktaturen und eine Wiedervereinigung überlebt und erlebt hat, den Leuten nichts mit auf den Weg geben könnte.

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