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Kein Frequenzwechsel beim BR : Tauschrauschaus

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, lenkt nun im jahrelangen Streit um eine UKW-Frequenz für die digitale Jugendwelle Puls ein. Bild: dpa

Nun doch am Puls der Zeit: Jugendwelle und Klassikkanal des BR dürfen bleiben, wo sie sind. Damit will der BR sowohl seinen Klassikhörern entgegenkommen als auch Bayerns privaten Radiosendern.

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          Dreieinhalb Jahre später ist man beim Bayerischen Rundfunk klüger: Im Mai 2014 hatte der Sender verkündet, BR-Klassik und das Jugendprogramm „Puls“ sollten 2018 die Frequenzplätze tauschen – und zwar wider alle Zielgruppengewohnheiten. Denn Puls sollte dann auf der UKW-Frequenz von BR-Klassik zu empfangen sein, BR-Klassik nur noch über das Internet oder Digital Audio Broadcasting, kurz DAB+. Nun hat sich der Intendant Ulrich Wilhelm eines anderen besonnen. In der Pressemitteilung klingt das so: „Der Bayerische Rundfunk hat vor dem Hintergrund jüngster Erfolge beim Ausbau von Digitalradio und der Ansprache eines jüngeren Publikums eine Neubewertung des für 2018 geplanten Frequenztauschs seiner Hörfunkwellen Puls und BR-Klassik vorgenommen.“ Man sei „nach eingehender Prüfung“ zu dem Schluss gekommen, „von dem Umstieg abzusehen“.

          So lässt sich auch umschreiben, dass die Idee schon damals verfehlt war. Da hatte der Bayerische Rundfunk 2013 eigens einen Jugendkanal aufgelegt, doch die Jugend, so hieß es damals, nutze zum Radiohören keine digitalen Kanäle, sondern UKW. Den Umzug von BR-Klassik auf den digitalen Sendeplatz verkaufte man den Klassikliebhabern derweil als Qualitätsinitiative. Die Klangqualität von DAB+ sei wie geschaffen für klassische Musik, hieß es. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten. Es stritten bayerische Klassikliebhaber auf der einen und der BR auf der anderen Seite, ob man es sich als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt mit Grundversorgungsauftrag leisten dürfe, etwa 120000 UKW-Klassikhörer so lange mit junger Musik zu beschallen, bis sie sich freiwillig ein digitales Radio kaufen. Denn die Jugend, das ließ sich an damaligen Petitionen und Gegen-Petitionen ablesen, die im Netz die Runde machten, interessierte sich kaum für den Frequenzwechsel: Die Gegner hatten binnen weniger Wochen mehr als 50000 Unterschriften beisammen, die Befürworter kamen nur knapp über die Tausendermarke. Selbstverständlich schwang damals auch die Angst mit, dass die teuren Klangkörper des BR – Symphonieorchester, Münchner Rundfunkorchester und Rundfunk-Chor – leiden, wenn die Hörerzahlen durch die Verlegung ins Digitale sinken.

          Die privaten Radiosender bangten derweil um ihre Werbeeinnahmen, sollten Hörer „massiv“ zu Puls abwandern. Doch nun ist alles anders und viel digitaler. Die Politik und die öffentlich-rechtlichen Radiosender haben den Ausbau von DAB+ vorangetrieben. Schließlich werden sie durch den Rundfunkbeitrag beim Umsatteln aufs digitale Radio großzügig unterstützt. Der Wellentausch, der damals schon anachronistisch wirkte, würde in diesem Zusammenhang gerade zu lächerlich wirken. Der BR-Intendant und künftige ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm verkauft den Schritt wiederum als große Geste gegenüber den privaten Radiosendern, als „Entscheidung im Sinne eines guten Miteinanders mit den privaten Radioanbietern und den Verlegern.“ Er wolle „in der aktuell aufgeheizten“ Debatte bewusst „ein Signal der Kooperation setzen, für den Standort Bayern und darüber hinaus“. Den abgesagten Frequenzwechsel darf man durchaus als Friedenszeichen sehen. Es wird aber auch als Großtat verkauft, was anders überhaupt keinen Sinn gehabt hätte.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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