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Kein Delacroix für China : Freiheitslos

  • -Aktualisiert am

Vor über einhundert Jahren haben die Franzosen die Freiheit in Form einer Statue nach Amerika gebracht. Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ bleibt aber in Paris Bild: AFP

Die Freiheit bleibt im Louvre, die Chinesen müssen ohne auskommen: Das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix wandert nun doch nicht gen Osten.

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          Um ein Haar wäre die Freiheit nach China gekommen. Die Hoffnungen auf eine neue Zeit waren schon lange dahin, da sorgten ausgerechnet die Einführung der Pressezensur und die Auflösung der Opposition dafür, dass Mittelstand und Intellektuelle gemeinsam auf die Barrikaden gingen und die Regierung hinwegfegten. Wer wollte da nicht an die aktuellen Angstträume des Pekinger Politbüros denken? Es war aber die Situation der französischen Juli-Revolution von 1830, die Delacroix in seinem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ darstellte - und zu einer kraftvoll Nation und Menschenrecht in eins setzenden barbusigen Freiheits-Allegorie überhöhte. Nun hat das französische Kulturministerium erwogen, ebendieses Bild aus dem Louvre an China auszuleihen, als Teil der ausgedehnten Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der diplomatischen Beziehungen Frankreichs zur Volksrepublik, die 2014 anstehen.

          Das Aufsehen, das diese Enthüllung von „Le Monde“ sogleich bei allen anderen französischen Medien erregte, zeigt, mit welch symbolischen, wenn nicht subversiven Erwartungen kulturpolitische Maßnahmen verbunden sein können; als Deutscher kennt man das noch von der Gestimmtheit her, die das Auswärtige Amt vor Jahren mit der Ankündigung einer Aufklärungsausstellung auf dem Platz des Himmlischen Friedens hervorrief. Doch Symbole können in unterschiedlichen Teilen der Welt durchaus Unterschiedliches zusammenbringen. In China ist das Delacroix-Gemälde als Symbolbild der Französischen Revolution bekannt und als solches geschmeidig in den Partei-Kanon eingebettet, der 1789 ebenso wie zuvor die europäische Aufklärung als Vorstufen der großen kommunistischen Befreiung wertschätzt. Wenn dieses Gemälde, von dem in China jedes Kind aus seinen Schulbüchern weiß, wie weltberühmt und teuer es ist, jetzt in einem Pekinger Museum hängen würde, dann ginge davon vor allem diese Botschaft aus: wie groß und mächtig China wieder geworden ist. Aber was sollen alle Konjunktive: Wie Frankreich jetzt mitteilt, erlaubt der Zustand des Gemäldes keinen Transport. „Die Freiheit“ geht also doch nicht nach China, ihr Zustand wird von Experten als „zu zerbrechlich“ eingeschätzt.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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