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Akif Pirinçcis Pegida-Rede : Eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeit

  • -Aktualisiert am

Akif Pirinçci spricht in Dresden bei der Pegida-Demonstration am 19. Oktober 2015 Bild: DAVIDS

Der Ausschluss des Hetzredners Akif Pirinçci aus dem öffentlichen Diskurs ist kein Verlust. Doch dass seine Aussagen bei Pegida von  Medien im falschen Zusammenhang zitiert wurden, ist verheerend.

          Er hat „Jehova“ gesagt. In „Monty Pythons“ Film „Das Leben des Brian“ genügt das Aussprechen dieses einen Wortes, um von einer besinnungslosen Menge gesteinigt zu werden.

          Akif Pirinçci hat „KZ“ gesagt. Und allein mit der Verwendung dieses Wortes, so scheint es, hat er sich um seine Satisfaktionsfähigkeit und seine Existenz gebracht. Händler wollen seine Bücher nicht mehr verkaufen, Verlage haben seine alten Romane aus dem Verkehr gezogen, Mitstreiter distanzieren sich. Er ist nicht mehr der umstrittene Autor, sondern der indiskutable.

          Sein Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs ist kein Verlust. Er ist ein notwendiges Signal, dass es in einer Auseinandersetzung Grenzen gibt. Aber die Art, wie dieser Rauswurf vollzogen wird, wirft Fragen auf. Die Geschichte der modernen Steinigung des Akif Pirinçci ist eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeiten.

           Akif Pirinçci

          Das beginnt bei der Frage, was der Schriftsteller Anfang vergangener Woche gesagt hat in seiner mühsam vorgelesenen Pegida-Rede, die zur „KZ-Rede“ geworden ist. Die überall zitierten Skandalsätze lauten: „Es gäbe natürlich andere Alternativen, aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Sie beziehen sich nicht, was angesichts des Umfeldes naheläge, auf den Umgang mit Flüchtlingen. Sie beziehen sich auf den Umgang mit Gegnern der deutschen Flüchtlingspolitik. Deutsche Politiker, behauptet Pirinçci, agierten „zunehmend als Gauleiter gegen das eigene Volk“. Aus ihrer Sicht sei es bedauerlich, dass es keine Konzentrationslager mehr gebe, in die man Kritiker stecken könnte.

          Es ist schwer zu sagen, wie viele der Demonstranten auf dem Theaterplatz in Dresden das so verstanden haben. Pirinçcis Text war für eine solche Rede völlig ungeeignet; seine Unfähigkeit, sie vorzutragen, tat ein Übriges. Aber für jeden, der darüber berichtete, war es unmittelbar danach möglich, im Netz nachzusehen, was Pirinçci genau gesagt hatte.

          Formulierungen in die Irre

          Dennoch haben es große Teile der Medien nicht geschafft, den Kontext richtig wiederzugeben. Die evangelische Nachrichtenagentur epd formulierte in die Irre: „Auf der ,Pegida‘-Demonstration hatte er im Zusammenhang mit der Errichtung von Asylbewerberheimen gesagt: ,Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.‘“ „Zeit Online“, „Bild“, „Handelsblatt“, Deutschlandfunk, „Berliner Zeitung“, sie alle verfälschten Pirinçcis Aussage, indem sie den Zusammenhang wegließen oder einen anderen suggerierten. Der „Tagesspiegel“ schrieb: „Letzte Woche dann bedauerte der Pegida-Redner Akif Pirinçci, dass die KZs ,derzeit außer Betrieb‘ seien, ,leider‘.“ Markus Lanz behauptete im ZDF: „Da geht dann jemand wie der Schriftsteller Pirinçci auf die Bühne und sagt einen Satz wie: Es gäbe natürlich auch andere Alternativen – mit Blick auf Ausländer generell – aber, und jetzt Zitat: ,Die KZs sind ja derzeit leider außer Betrieb‘.“ In der „Tagesschau“ sagte Justizminister Heiko Maas: „Zumindest die, die auf der Bühne standen und bedauerten, dass die KZ nicht mehr in Betrieb sind, das sind Nazis.“

          Nicht alle Medien informierten falsch; manche, wie die „Berliner Morgenpost“ und gelegentlich dpa, wiesen explizit darauf hin, dass sich Pirinçcis KZ-Satz nicht auf Flüchtlinge bezog. Aber die irreführende Darstellung fand größte Verbreitung.

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