https://www.faz.net/-gqz-89mtr

Akif Pirinçcis Pegida-Rede : Eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeit

  • -Aktualisiert am

Wenn es den Verlagen ernst wäre mit ihrer Behauptung, der Schutz von Menschenrechten, der Respekt vor Traditionen und der Wunsch nach kultureller Vielfalt sei ein „zentraler Bestandteil“ ihres Schaffens – sie hätten sich lange vorher von Pirinçci distanzieren müssen. Die von Fäkalien durchsetzten Versatzstücke seiner Rede konnten Fans vermutlich teilweise auswendig mitsprechen, so sehr sind sie Routine für ihn. Selbst das für seinen laschen Umgang mit Hetzreden berühmte Facebook hatte Pirinçci zwischenzeitlich gesperrt.

Pirinçcis unbändige Menschenverachtung

Sein Buch „Deutschland von Sinnen“ ist nicht nur eine Kampfschrift für eine Rückkehr Deutschlands in die sechziger Jahre. Es ist geprägt und getrieben von einer unbändigen Menschenverachtung. Pirinçci verachtet Muslime, Linke, Grüne, Schwule und Lesben, und er lebt diese Verachtung aus, extrem wie in einem Splatter-Film. Sie ist nicht nur eine etwas übelriechende Begleiterscheinung seiner Wortmeldungen, sie ist ihr Kern, sein Markenzeichen. Schon der Text, der seinen neuen Ruhm begründete, den er 2013 auf Henryk M. Broders „Achse des Guten“ veröffentlichte und in dem er behauptete, Banden junger Muslime zögen durchs Land, um die deutschen Männer auszurotten und die deutschen Frauen zu vergewaltigen, schon dieser Text war so jenseitig, dass Tobias Kaufmann, der ebenfalls in diesem rustikalen Umfeld bloggte, sich „zutiefst erschüttert“ über die Veröffentlichung zeigte: Pirinçci habe Standardrhetorik von Neonazis benutzt.

Seine Katzenroman-Verleger scheint das nicht gestört zu haben. Sie verdienten weiter mit an Pirinçci. Erst jetzt erschien es ihnen geschäftsfördernder, sich öffentlichkeitswirksam von seinem Werk zu trennen.

Einzelne Medien, die sich jetzt so angewidert von Pirinçci abwenden, sind ähnlich scheinheilig. „Bild.de“ warb mit einer Leseprobe für „Deutschland von Sinnen“; die „Bild am Sonntag“-Autorin Anja Hardenberg fragte ihn allen Ernstes: „Kann man eine solche Wutschrift nur schreiben, wenn man Deutschland wirklich liebt?“ Das ZDF lud Pirinçci zu einem netten PR-Geplauder auf sein „Mittagsmagazin“-Sofa ein. Der „Focus“ bot ihm eine Bühne und prahlte: „Gegen ihn ist selbst Sarrazin zahm.“

Die rechte Zeitung „Junge Freiheit“ hat in dieser Woche Stimmen von Publizisten zusammengetragen, die den Boykott von Pirinçci und seinen Werken als undemokratische Überreaktion brandmarken. Zur Meinungsfreiheit gehöre es, ihn und seine Wutreden auszuhalten. Sie mögen recht haben, was die Überreaktion angeht, aber immer wieder findet sich in ihren Stellungnahmen der Gedanke: Pirinçcis Formulierungen seien zwar geschmacklos, aber...

Das ist ein Problem. Denn es geht beim Umgang mit Pirinçci nicht um Fragen des Geschmacks, ob man es mag, wie oft er „ficken“ schreibt. Es geht darum, dass Texte, die sich einen Sport daraus machen, so verachtend und verletzend wie möglich über Minderheiten zu schreiben, keine zulässigen Debattenbeiträge sind. Und dass sich jemand, der solche Hetzschriften verfasst, damit für den gesellschaftlichen Diskurs disqualifiziert. Darüber sollte es einen Konsens geben – ganz ohne klammheimliche Freude, wie lustig und erfrischend sein Hass doch ist.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trauerfeier für Prinz Philip : Eine Familie nimmt Abschied

Ein schwerer Gang für Königin Elisabeth II.: Gemeinsam mit ihrer Familie hat sie in einer Trauerfeier Abschied von Prinz Philip genommen. Nur 30 Trauergäste waren erlaubt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.