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Akif Pirinçcis Pegida-Rede : Eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeit

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Es ist an sich schon beunruhigend, dass es die Mehrheit der großen deutschen Medien nicht schafft, eine entscheidende, leicht überprüfbare Tatsache richtig wiederzugeben. Es ist aber ganz besonders brisant angesichts des Misstrauens, mit dem nicht nur AfD-Sympathisanten ihrer Berichterstattung begegnen. Journalisten wehren sich gegen den „Lügenpresse“-Vorwurf gerne aus einer Position der Überlegenheit: Denen, die das rufen, passten nur die berichteten Tatsachen nicht. Hier zumindest finden die Kritiker ein Beispiel dafür, dass es die Journalisten sind, die sich weigern, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Dass dieser Fehler die Berichterstattung über alle Mediengattungen hinweg dominiert, ist umso verheerender.

Was denken sie? Denken sie was?

Am vergangenen Wochenende ließ die „Frankfurter Rundschau“ „Andersdenkende“ zu Wort kommen, Kritiker der Asylpolitik und der Berichterstattung. Die Zeitung fragte: „Was denken sie? Denken sie was?“ Sie berichtete über eine Leserbriefschreiberin, die den „FR“-Demonstrationsartikel bemängelte: „Die Pegida-Kundgebung vom 19. Oktober hat sie nicht besucht. Über die Dresdener Rede von Akif Pirinçci ließ sie sich berichten und zog daraus die Information, dass der Satz ,die KZs sind ja leider außer Betrieb‘ in der Berichterstattung aus dem Zusammenhang gerissen worden sei.“ Die „FR“ legte nahe, dass die Frau keine Ahnung hat.

Dabei ist das, was Pirinçci wirklich gesagt hat, kaum weniger skandalös. Er vergleicht sich und seinesgleichen mit den Juden im Dritten Reich. Die Fremdenfeinde als verfolgtes Volk, das die Herrschenden am liebsten in Konzentrationslager schicken würden, wenn die nicht, „leider“, geschlossen wären – das ist ein unerträgliches Bild. Die Zahl der tatsächlichen „Denk- und Sprechverbote“ in Deutschland steht zwar im umgekehrten Verhältnis zur Inflation der öffentlichen Klage über ihre angebliche Existenz, aber der Nazi- und KZ-Vergleich ist tatsächlich ein Tabu.

Pirinçci hat diese Grenze überschritten, und er tat es bewusst – er hatte es vorher in seinem Blog angedeutet. Man kann nur ahnen, dass er, angetrieben von der Begeisterung seiner Fans über seine verbalen Ausfälle, immer noch drastischer und provokanter zu formulieren versuchte, das Hetzpotential aber leider schon so weit ausgeschöpft hatte, dass da nicht mehr viel blieb als ein KZ-Vergleich.

Daraufhin also beschloss der Online-Händler Amazon, der sonst ungefähr alles verkauft, dass es eine gute Idee wäre, die Bücher von Pirinçci nicht mehr zu verkaufen. Und die Verlage Diana, Goldmann und Heyne mochten plötzlich Pirinçcis Katzenromane nicht mehr anbieten, als wären die, mit ihrem Verfasser, nachträglich böser geworden. „Was können denn die armen Katzen dafür“, fragte der Autor, was eine ebenso doofe wie berechtigte Frage ist.

Die Begründung der Bertelsmann-Verlage für den drastischen Schritt ist vage. Sie formulierten „große Bestürzung und Unverständnis“ über die „inakzeptablen Äußerungen“ ihres früheren Autors – ohne zu sagen, welche genau sie meinen: Den KZ-Satz? In der kolportierten oder in der tatsächlichen Form? Oder die ganzen Hetztiraden gegen Politiker, Muslime, Minderheiten?

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