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Brieftaubenpost aus dem Deutsch-Französischen Krieg: Ein Dutzend Dokumente sind abfotografiert und extrem verkleinert auf einem dünnen, briefmarkengroßen Fotopapier abgezogen, gerollt und am Gefieder einer Taube befestigt worden. Bild: Musée de la Poste

Einsatz für Luftpost : Tauben im Militärdienst

  • -Aktualisiert am

Seit der Antike wurde Tauben in Feldzügen eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg waren zweihunderttausend von ihnen als Luftpost im Einsatz. Das Foto einer solchen Depesche aus dem Oktober 1870 dokumentiert den epochalen Wandel der Kommmunikation.

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          Die Taube nimmt man oft als lästigen Stadtvogel wahr. Gegen seinen Mist und sein Gurren werden auf Fensterbänken scharfe Dornen aufgestellt. Dabei war es die Taube (und nicht der imposante Rabe), die nach der Sintflut als erstes Lebewesen die Erde erreicht hat und mit dem Ölzweig vom Berg Ararat zu Noah zurückgekehrt ist. Auch deswegen diente die Taube später als Symbol für den Frieden, als Zeichen des Lebens.

          Schon in der Tora, dem Alten Testament, spiegelt sich wider, dass Tauben bereits in vorsintflutlichen Zeiten domestiziert und zur Kommunikation genutzt wurden. Später wird ausgerechnet die Taube zum Sinnbild des Heiligen Geistes, die über Allem schwebt und unter ihren Flügeln alles behütet, obwohl der Adler über eine viel größere Spannweite verfügt.

          Dank ihrer Fähigkeit, immer den Weg „nach Hause“ zu finden, wurden Tauben schon seit der Antike in Feldzügen eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg erreichte dies eine industrielle Dimension: Bis zu zweihunderttausend Tauben waren im Militärdienst. Unter ihnen gab es hochdekorierte Kriegshelden, man würdigte sie sogar mit Denkmälern. Es gibt Fotos von Taubenschlägen, die wie riesige Kathedralen aussehen, und von solchen, die kleinen Pferdewagen ähneln. Aus dieser Zeit stammt das erste Tauben-Selfie: Eine an einer Taube für militärische Erkundung befestigte Kamera war verrutscht, und der fliegende „Spion“ hat seine eigenen Flügel und die Straße unter sich fotografiert.

          Aber nur einmal in der Geschichte wurde die Taube zum Bestandteil des fotografischen Verfahrens. Was wir hier sehen, ist eine Rarität aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71: eine Depesche, die aus Tours an der Loire, wohin die französische Regierung evakuiert worden war, nach Paris mit einer Taube verschickt wurde. Diese Depesche ist selbst eine Fotografie: Ein Dutzend Dokumente sind abfotografiert und extrem verkleinert auf einem dünnen, briefmarkengroßen Fotopapier abgezogen, gerollt und am Gefieder einer Taube befestigt worden.

          Nach Erhalt wurde diese Botschaft mit einem Mikroskop gelesen. Hier sehen wir eine chiffrierte Depesche (neugierige Leser verweise ich auf die Fachliteratur). Da gibt es private Meldungen von hochpositionierten Personen: „Bei uns ist alles in Ordnung“ und „bitte schicken Sie die Bestätigung per Ballon“ (die Post hatte zuerst Briefe auch mit Fesselballons aus Paris verschickt).

          Das Wichtigste hier ist aber das Dekret (unterzeichnet von Innenminister Léon Gambetta) über die Fusion von Telegraphenamt und Post, die beide während der Belagerung keine Verbindung nach und von Paris herstellen konnten. Dieses Mikropapier wurde nie als offizielles Dokument gedruckt und gilt deshalb als Original. Paradox, aber so wird die mit der Taubenpost zugestellte Fotodepesche zum Beweis für sich selbst – und für die Fusion der Post mit der Telegraphie. Die Posttaube wird zum Doppel-Träger der Fusion: als Bote und als Instrument der Fotografie, da die Übermittlung komplett von den Kapazitäten des Vogels abhing. Zu Recht heißen diese Aufnahmen auf Französisch daher „Pigeongrammes“.

          In seinen amüsanten Memoiren ernennt sich der berühmte Porträtfotograf Nadar, der bereits den Begriff „fotografische Post“ geprägt hat, selbst zum eigentlichen Direktor der Post im belagerten Paris. Mit seiner Fesselballon-Leidenschaft – er versuchte, Luftfahrt im Dienste der Kartographie zu benutzten – wurde Nadar zum Zentrum für Anfragen. Unmengen wollten ein Lebenszeichen per Ballon an Verwandte und Geliebte verschicken.

          Nadar erzählt von einem wundersamen Hightech-Verfahren, das die zweite Phase von Pigeongrammen eröffnete. Ein namenloser Ingenieur schlug vor, Hunderte zusammengepinnter Briefe abzufotografieren und auf ein winzig kleines Stück Kollodium abzuziehen, das nur wenige Milligramm wog. Die Tauben konnten so Tausende Briefe auf solchen Mikrofilmen transportieren.

          Bedauern, Hoffnung, Grüße - für 50 Centimes pro Wort

          Die Geschichte hält doch ein paar Namen fest: Dagron, Barreswill, Blaise. Solche Briefe wurden mit einer Laterna magica auf eine Leinwand projiziert, abgeschrieben und an die Adressen verschickt. Ab November 1870 wurde Taubenpost massenhaft geschrieben: „Lelotte hat fünf Zähne“, „ich lebe, um Dich und das Baby immer zu lieben“, „Gesundheit perfekt, Langeweile, Bedauern, Hoffnung, freundliche Grüße an alle“ für 50 Centimes pro Wort.

          In der wissenschaftlichen Literatur heißt es, dass etwa 500 Tauben eingesetzt wurden und nur wenige Botschaften ihr Ziel erreicht haben. Die Tauben verflogen sich, wurden abgeschossen, und „The Times“ schrieb am 19. November 1870, dass die Preußen „mit ihrem gewöhnlichen teuflischen Wissen und Erfindungsgeist“ Habichte und Falken gegen Brieftauben eingesetzt haben – ein Krieg der Vögel, ein Krieg der Symbole, und man weiß wieder nicht, wo das Märchen landet und wo die Wirklichkeit sich aufschwingt.

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