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Kiew, Florenzii-Straße Bild: Bogdan Zholdak

Kolumne „Bild der Woche“ : Der goldene Schlüssel

  • -Aktualisiert am

Auf dem Foto ist mein Zuhause zu sehen. Alles ist bunt hier: ein geblümter Vorhang, geblümte Hemden – Flower Power 1977 in der Sowjetunion? Aber wir strahlen hier gegen die soziale Hölle an.

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          Das Lieblingsmärchen meiner Generation erzählt von Buratino, einem hölzernen Jungen, der von zu Hause wegrennt. Zuerst landet er in einem Puppentheater, in dem er seinesgleichen findet, Pierrot und Malvia, die unter der despotischen Regie von Meister Karabas Barabas spielen müssen.

          Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht, und Buratino findet einen goldenen Schlüssel, der Glück bringen soll. Er weiß aber nicht, welche Tür er damit öffnen muss. Die geheime Tür findet er letztlich bei sich zu Hause, hinter einer bemalten Leinwand, in der kleinen Stube von Papa Carlo. Er dreht den Schlüssel, und es öffnet sich – eine freie Bühne für freie Menschen.

          Auf dem Foto ist mein Zuhause zu sehen. Alles ist bunt und strahlend hier: ein geblümter Vorhang, geblümte Hemden – Flower Power 1977 in der Sowjetunion. Wie konnte das sein? Meine Familie und Hippies? Eine unbestreitbar stilistische Gemeinsamkeit, aber welch anderes Schicksal!

          Wenn ich von dem Eisernen Vorhang höre, denke ich immer an unseren geblümten, hinter dem man die soziale Hölle, in die meine Eltern gedrängt waren, nicht sieht. Alle strahlen dagegen. Ich sitze dort in Schwarz, in einer weißen Strumpfhose – meinem Tanzkostüm, von Mama geschneidert. Mein fröhlicher Bruder – er lernte damals wie ein Besessener für die Schule, um später den Wehrdienst umgehen zu können.

          Und ich? Ich weiß nur, dass ich mich zweifellos für Alice in Wonderland hielt, denn meine Katze lächelte, und die Welt da draußen hatte für uns die absurdesten Regeln aufgestellt, die kein Kind verstand.

          Unsere Familien-Welt war nicht durch Erbe oder Konsum erschaffen, sondern durch das Kommen und Gehen unserer Freunde. In der Welt der Defizite war jeder Gegenstand vermenschlicht, mit einer Geschichte gekrönt, es gab keine Routine im Erwerb und Besitz von Sachen. Die schönen Dinge entstanden durch Verlust: die „iranische“ Bluse meiner Mutter, die ich noch zwanzig Jahre später trug, die Bücherschränke, die Pfeife stammten von „für immer“ in die Vereinigten Staaten emigrierten Freunden.

          Dies ist mein Zuhause. Ich kenne hier alles bis zum letzten Detail, bis zu der kleinen „8“ an der Wand des Schrankes, damals für Mama zum 8. März gebastelt und nun von mir in ein Andenken an Papa, der 88 wurde, verwandelt.

          Das Betrachten dieses Fotos trainiert mein Glücksempfinden, und auch meine Mutter sagt: „Das ist das Beste, was wir haben.“ Hier besitzen wir uns selbst, als gehöre dieser Moment des Zusammenseins, der Geborgenheit und Freude nicht nur in die Vergangenheit, als hätte er sich in ein „Immer“ ausgedehnt, der Dynamik späterer Verluste trotzend.

          Vater durfte nicht arbeiten, Mutter brachte uns durch

          Meine Mutter, die hier wie eine Königin aussieht, arbeitete damals sechs Tage pro Woche, zwölf Stunden am Tag und kam immer erst spätabends nach Hause. Sie verdiente für uns alle. Meinem Vater war jegliche Arbeitsmöglichkeit entzogen worden, und er, ein geborener Gelehrter und Dozent, hat sein Leben in einer Studierstube in dieser Wohnung verbracht und dort seine Bücher geschrieben.

          Die Wahrheitssuche wanderte in die privaten Räume, in die legendären sowjetischen Küchen, und für ihn lag die Freiheit in der Schöpfung eines eigenen Genres. Er schrieb das Buch „Bücher unserer Kindheit“ über das gemeinsame Lesen ganzer Generationen, über die Märchen, die mit großen Buchstaben in unsere Seele eingeprägt sind: über die russischen Varianten von Doktor Dolittle, Wizzard von Oz und, ja, über den russischen Pinocchio – Buratino.

          Es war mein Vater, der entdeckt hatte, wie der goldene Schlüssel aus „Alice in Wonderland“ in die Hände von Buratino gelangt war und welche Tür dieser Schüssel öffnete. Er schrieb ein Buch über die Entstehung des Menschen aus dem Geist des Lesens, ein Buch, das zum Schlüssel des freien Denkens von freien Menschen wurde – von uns selbst.

          Die Poesie unseres Hauses roch nach Pfeifentabak

          Wäre mein Vater ein Heiliger, wäre die Pfeife, die er in der Hand hält, sein Attribut. Sie gehörte in sein Wappen, wenn er ein Ritter wäre. Die ganze Poesie unseres Hauses roch nach Pfeifentabak, nach bulgarischem „Neptun“, später nach „Amphora“. Überall auf der Welt, wo ich Pfeifentabak rieche, spüre ich seine Anwesenheit.

          Wenn ich mir dieses Foto anschaue, denke ich an Freiheit und Halt, an eine endlose Zimmerflucht des Zurückkommens, an eine geheime Tür zur Kindheit. Mich ergreift die seltsame Vorahnung einer Entdeckung, die ich noch vor mir habe, eines Rätsels, das ich nicht verstehe, trotz des Schlüssels in meiner Hand.

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