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Kolumne „Bild der Woche“ : Vor dem Grauen des Morgen

  • -Aktualisiert am

E. Khaikin, Café „Sommer“, Leningrad, Mai 1941 Bild: ddp Images

Ein herrliches Foto kursiert in russischen sozialen Medien: Zwei Ladys im Café, Leningrad 1941, einen Monat, bevor die Deutschen die Sowjetunion überfielen. Über den unsichtbaren Vorschein.

          Die Sommerterrasse eines Cafés. Zwei elegant gekleidete Frauen kommen herein. Einfach ein schönes Foto. Komposition, Licht und Ladys - alles wirkt leger, bereitet Wonne. Ein etwas älteres Paar sitzt am Nebentisch. Bühnenhafte Vorhänge. Sonne und Schatten. Pflanzen und Korbmöbel. Im Hintergrund das Portal einer Kathedrale. Vorkriegszeit irgendwo in Europa. Die pure Nostalgie. Ich war bereit zu sagen: Ach, wie schön waren diese Zeiten!

          Doch dann bekam ich einen Schock. Unter dem Foto stand: „Leningrad, Mai 1941“. Einen Monat später überfällt Deutschland die Sowjetunion, nach vier Monaten beginnt die Leningrader Blockade, die 872 Tage dauern wird. Eine Million Leben ist ihr Preis, die Hälfte der Einwohner. Aus der schönen Realität dieser Fotografie ragt die schreckliche Zukunft heraus. Wir sehen sie aber nicht - und gerade das erschreckt noch mehr.

          Ich habe das Foto in den letzten Wochen mehrfach in russischen sozialen Netzwerken gesehen, es wurde Tausende Male weitergepostet - kleine Rituale der Erinnerung. Vor einer Woche war nun wieder so ein Datum, Jahrestag des Endes der Blockade, das immer noch ganz schmerzhaft sticht, besonders für die Einwohner der Stadt Sankt Petersburg. Das Foto wirkt so mondän und so „europäisch“, dass manche sogar meinten, es sei irgendwo in Rom aufgenommen. Es ist aber ein berühmter Ort, direkt am Newski-Prospekt, der so dicht durch die russische Literatur bespielt ist, dass man vermutet, jede Ecke zu kennen. Eine Flagge, die übrigens rot ist, weht über der Kathedrale, die im Zuge antireligiöser Kampagnen in das Museum für Atheismus umgewandelt wurde.

          Das berüchtigte Punktum (ein Begriff von Roland Barthes) liegt außerhalb des Fotos, in der Zukunft dieser Menschen und dieser Stadt. Es kann nicht die Intention des Fotografen gewesen sein, solch eine Zukunft zu prophezeien. Ein Facebook-Kommentar: „Eine Frau auf diesem Foto schafft es in die Evakuation, die andere wird die Blockade überleben und ihr ganzes Leben lang keinen Krümel wegschmeißen können, die beiden anderen werden im Februar sterben.“ Wenn dies auch ausgedacht, so ist diese Aussage statistisch gesehen richtig.

          Ich erinnere mich an ein Buch, das bei mir einen ähnlichen Effekt auslöste: „Morgen war der Krieg“ hieß es. Im Zentrum stehen die ersten Lieben der Abiturienten, ihre Zukunftspläne und Träume. Am Ende des Schuljahres sagt jemand, dass dieses Jahr ganz schwierig gewesen sei, aber das nächste bestimmt besser werde . . . Und am nächsten Tag fing der Krieg an.

          Mein Schock war eigentlich naiv, denn alte Fotos sind meistens Fotos von gestorbenen, nicht mehr existierenden Menschen. Aber hier ist die zeitliche Grenze zwischen einem anscheinend wolkenfreien Leben und der auf diese Stadt zukommenden Katastrophe sehr scharf und schmal. Andererseits ist auch dieser Mai 1941 „kontaminiert“: Schon seit beinahe zwei Jahren herrschte Krieg in Europa, die Sowjetunion führte Krieg gegen Finnland und hatte die Osthälfte Polens und das Baltikum okkupiert. Es gab bereits Millionen Opfer der Stalinschen Säuberungen.

          Viele Diskutanten im Netz meinen, dass Foto sei komplett inszeniert worden - zum Beispiel für die stalinistische Propaganda. Andere behaupteten, dass es dort kein Café gab, dass es solche Cafés gar nicht habe geben können, dass das Kulissen seien, vielleicht für einen Film, und die Damen mehrmals hineingegangen seien, und dass die Perspektive verrate, dass der Fotograf auf dem Boden habe liegen müssen, wie sonst? Nein, schrieb ein Fotograf, die rechte Dame ist eine Ausländerin, eine Deutsche, die linke, die mit dem Tuch, eine Einheimische, und um solch ein Foto zu machen, konnte man auch am Tisch sitzen bleiben. Die Kinder von Zeitzeugen meinten, ihre Eltern erinnerten sich an kein Café, und dann posteten andere, um die Glaubwürdigkeit der Erinnerung zu überprüfen, Luftaufnahmen aus den Jahren 1939 bis 1941 - und man sah doch, dass es ein Café dort gab.

          Man konnte diese Terrasse auch auf einem Foto sehen, dass von der anderen Seite der Straße gemacht wurde, um 1940. Eine große Gruppe von Kindern steht auf den Treppen der Kathedrale. Ich dachte an die zweihundert Leningrader Waisenkinder, die zwei Jahre später aus der Stadt gerettet und in die Hände meiner Großmutter im fernen Süd-Ural gegeben wurden.

          Aber lasst uns kurz verweilen in diesem Café im Mai 1941.

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