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Kolumne: Bild der Woche : Arbeit ist Frieden

  • -Aktualisiert am

Bild: Ievgeniia Bielorusets

Vor Monaten bin ich im Internet auf ein Foto gestoßen, nun ist es im ukrainischen Pavillon der Biennale von Venedig ausgestellt: Ein rauchender Bergarbeiter aus dem umkämpften Donezk. Seine Augen verfolgen mich.

          2 Min.

          Das Foto schaute mich an. Die Nähe fesselte mich, erschreckte mich sogar. Ich wusste nicht einmal, wo Krasnoarmijsk sich befindet, doch dieser Mann stand vor mir, viel zu nah, und blies mir seinen Rauch ins Gesicht. Ich wartete darauf, dass der Rauch sich auflösen und ich sehen würde, ob er lächelte oder grinste. Aber nein, er schaute in den Rauch seiner Zigarette wie in ein Geheimnis gehüllt.

          Die Fotografin hatte viele Fotos in dieser Gegend gemacht und darüber geschrieben, wie die Bergleute stur zur Arbeit gingen, kein Gehalt seit Oktober, aber sie arbeiteten, denn Arbeit war Frieden und der Krieg absurd, und wie diese Arbeiter die Normalität des Friedens wiederherstellten, nur dadurch, dass sie zur Arbeit gingen.

          Ich las Kommentare eines Gewerkschafters dazu und dann die viel schlimmeren Nachrichten über den Krieg in der Ukraine, als wäre mein Lesen und Schauen ein Akt des Waffenstillstands, als würde nicht geschossen, so lange ich läse. Ich war noch nie dort gewesen, in Donezk, Luhansk, ich schaute wieder auf die Karte: Der Ort heißt Schastje, auf Russisch Glück, dort waren an einer Bushaltestelle zwei Menschen umgekommen, rein zufällig. Zerbombte Häuser, freiwillige Kämpfer, Flüchtlinge, Feldzüge, Bilder über Bilder. Warum ausgerechnet dieses Foto?

          Die Augen des Bergmanns haben mich über Monate hinweg verfolgt, als wären sie von einem Werwolf, sie fanden mich immer wieder, und immer waren sie direkt auf mich gerichtet, nah und fremd zugleich. Ich musste nur zurückschauen und sah die weißen Flecken, die mich beobachteten, wie die strengen Augen von Ikonen, die von irgendwo auf uns schauen, wir werden von ihrem Blick erfasst, egal, ob wir daran glauben oder nicht. Den Blick dieses Mannes konnte ich aber nicht fangen. Ist es Verzweiflung? Vorwurf? Weisheit? Tollwut? Glauben? Ist ihm alles egal? Sind da Tränen? Oder sehe ich etwas, was nur auf dem Foto entstanden ist - die widersprüchliche Botschaft einer Fotografin?

          Die Fotografin fuhr regelmäßig Richtung Front, fotografierte Menschen und Städte und schwor, das sei nicht gefährlich. Sie hat die Serie „Fotografieren Sie uns nicht, sonst kommen sie und schießen“ genannt, dies soll ihr einer der Bergleute gesagt haben, als hätte er mit der Doppeldeutigkeit des englischen „shoot“ spielen können. Ist das die Logik des Krieges oder der Kunst?

          Das einzig Wirkliche auf dem Foto, das Einzige, was mir bekannt oder vertraut vorkommt, ist die Zigarette, unvorstellbar weiß und scharf, man könnte meinen, die Fotografin habe den Fokus falsch eingestellt. Rauch überzieht das Gesicht, das milchige Weiß bedeckt den Ruß, hinter dem Mann erkennt man ein Haus. Er blickt mit seinem weißen Star aus den Augen und raucht, dieser Rauch bleibt intim und nebulös, da dieses kurze Ausatmen niemals endet. Der Bergmann ist schwarz, und seine Augen sind weiß, aber er ist nicht blind, ich bin es, mit meinem Unwissen, mit meiner Ignoranz, mit unserer Blindheit gegenüber dieser Region, gegenüber diesen Menschen, über die wir nichts wissen. Die Erkenntnis war schwarzweiß, aber das Foto war farbig, daraus blickte mir meine eigene Blindheit, meine eigene Ohnmacht entgegen.

          Ich fragte die Fotografin, eine zierliche junge Frau, ob sie so nah bei dem Mann gestanden oder mit Zoom fotografiert habe. „Ganz nah.“ Wie nah, fragte ich. „Er saß auf einer Bank, rauchte, und ich kniete vor ihm. Eine technische Notwendigkeit.“

          Vor Monaten bin ich im Internet auf dieses Foto gestoßen, nun ist es im ukrainischen Pavillon der Biennale von Venedig ausgestellt. Nur wenige Schritte von der Arsenalbrücke entfernt. Auch nachts zu sehen, hinter der Glasfront. Man kann zusammen mit dem Bergarbeiter rauchen, vielleicht wird sein Gesicht im gemeinsamen Rauch verständlicher. Ich habe das gemacht. Mit ihm geraucht, als es dunkel wurde.

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