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Kolumne „Bild der Woche“ : Katalog der unbesungenen Gesten

  • -Aktualisiert am

Natacha Nisic, Fotografie aus Super 8, Catalogue de Gestes, 2020 Bild: Natacha Nisic

In unserer maskierten Zeit ist die Gestik intensiver geworden. Sie muss Sinn und Ausdruck der Mimik übernehmen. Aber auch die Hände halten soziale Askese: Sie dürfen andere nicht berühren. Die Künstlerin Natacha Nisic huldigt ihnen.

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          Vor vielen Jahren habe ich eine Postkarte zum Geschenk bekommen, viermal eine Hand, die im himmelblauen Wasser rührt, versunken, träumerisch, je eine Hand in jedem Fensterchen, so wie hier je zwei. Dieses Blau, die sonnige Haut der Hand, auch die Wasserspritzer sind so tief in mein Gedächtnis eingetaucht, als wären es klassische Kunstschätze oder Archetypen.

          Vielleicht habe ich mich nur sehr an diese Postkarte gewöhnt, da sie über zwanzig Jahre in meiner Küche hing, und dem Abwasch eine unerwartete Dimension verlieh, in Berlin, wo ich nicht mehr bin. In letzter Zeit tauchte sie immer wieder in meinem Kopf auf, wie aus einem doppelten Jenseits, als wäre sie ein Tribut an etwas, das es nicht mehr gibt.

          Diese blaue Postkarte stammte von der Französin Natacha Nisic, die 1995, als noch ganz junge Künstlerin, damit begann, einen „Catalogue de Gestes“ zu erstellen, in dem sie Alltagsgesten der Einwohner von Paris registrierte. Ein Katalog der unbesungenen friedlichen Taten – im Unterschied zur „Chanson de Geste“, dem Gemeingut der Franzosen, die legendäre Kriegstaten besingt.

          Aus den alltäglichen kleinen Gesten entsteht eine Magie und ein unmittelbarer Abdruck der Zeit, wie wir auf dieser schwarzen „Postkarte“ mit Fotos von 2020 sehen können. Der „Katalog“ ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern er ist offen, wie der Katalog einer Bibliothek, der sich im Laufe der Zeit mit Neuzugängen füllt. Seit einem Vierteljahrhundert beobachtet und filmt Nisic Hände mit ihrer Super-8-Kamera.

          Das Foto ist nur ein Einzelbild, 1/24 Sekunde des Films, das zu einer Art bibliographischer Beschreibung einer Geste wird und aus dem Inneren der Zeit heraus Bewegungen der Hände in die 24 Stunden eines Tages entfaltet – wie sie Haare kämmen, in einem Buch blättern, das Kleid aufknöpfen, auf einer Tastatur tippen, einen Zettel zerreißen, ein Ei pellen, ein Streichholz anzünden, klatschen, schreiben, sich gegenseitig streicheln. Die Künstlerin sammelt Gesten ein, als wären sie vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten unserer digitalisierten Zeit.

          Aus dem schwarzen Hintergrund heraus treten die Hände auf, als selbständige Wesen, sie werden porträtiert, sie ersetzen den ganzen Körper, auch das Gesicht. Sie sprechen eine primäre Sprache, die uns allen gehört und verbindet. Sie ist nicht symbolisch oder konventionell, wie die Gebärdensprache oder die heilige Sprache der Tanzenden. Sie verweist nicht auf andere Bedeutungen, sondern steht für sich selbst. Zwei Hände halten eine hölzerne Kugel, als wäre sie der Erdball, Frauenhände mit Ringen ziehen Gummihandschuhe an. Die Bewegung ist so anmutig und manieriert, als wären diese Handschuhe aus Seide. Andere Hände zählen Geld. In jeder unserer Bewegungen steckt die Geschichte der Kultur.

          Ein anderes Paar hält eine verwelkte Hyazinthe. Ein Speicherplatz der Motive: Wie viele Frauen der Kunstgeschichte halten eine Blume? Die Künstlerin sagt, sie sammele Gesten, wie man Blumen pflückt. Auch metaphorisch bleibt ihre Arbeit manuell, wie alles Materielle, das wir schaffen.

          Eine zivilisatorische Errungenschaft in Gefahr

          In unserer maskierten Zeit ist die Gestik noch intensiver geworden, muss sie Sinn und Ausdruck der Mimik übernehmen. Zugleich halten heute nicht nur die Gesichter, sondern auch die Hände eine beispiellose soziale Askese: Sie dürfen den anderen nicht berühren, die ganze zivilisatorische Errungenschaft der Nähe und Offenheit, die sich durch Händeschütteln oder Berührung ausgedrückt hat, birgt nun Gefahr. Der Katalog von Nisic ist dadurch noch sehnsüchtiger geworden - er dokumentiert eine anthropologische Verschiebung, auch im Blick des Betrachters.

          Die Hände eines Menschen sind aufeinander angewiesen, aber gerade hier sind sie nicht einsam, sondern in einem Dialog, der schon in der Anatomie, in der Natur des Menschen angelegt ist, in der Form einer lebendigen Zweisamkeit. Diese vier Paare kreieren eine drehende Bewegung, die spüren lässt: die Erde bewegt sich doch, und die Erschaffung Adams verbirgt sich in jedem Hände-Paar. Nisics Ausstellung ist eröffnet – im geschlossenen Centre Pompidou.

          (Für Adam)

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