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Kolumne „Bild der Woche“ : Der Unsichtbare im Bild

  • -Aktualisiert am

Maria Kapajeva, aus "You Can Call Him Another Man" Bild: Maria Kapajeva

Ein Topos in der Geschichte der Fotografie: Jemand findet einen Karton alter Aufnahmen, die eine Geschichte erzählen - aus der Zeit vor der eigenen Geburt. Maria Kapajeva entdeckte einen unbekannten Mann, der ihr Vater werden sollte.

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          Ein Mann mit Mütze, in winterlicher Kleidung, steht neben einem Haus. Er verdeckt sein Gesicht mit einer Hand und ist bereit, einen Schritt nach vorn zu machen. In der anderen Hand hält er eine Tasche.

          Verlässt er das Haus, um auf eine Reise zu gehen? Oder geht er nur einkaufen? Seine Geste des Versteckens erscheint so symbolisch, dass das Bild wie inszeniert wirkt. Erst, wenn man etwas länger bei dem Foto verweilt, versteht man, dass der Mann sein Gesicht versteckt, um sich vor Schneebällen zu schützen, an Tür und Fenster sind weiße Flecken zu sehen.

          Als Maria Kapajeva in die Stadt Narwa kommt, um ihre Eltern zu besuchen, ist die Stadt durch einen Grenzfluss geteilt: Sie liegt in Estland und in Russland. In ihrer Kindheit waren das verschiedene „Republiken“, heute sind es verschiedene Staaten.

          Die Frau lebt schon lange nicht mehr bei ihren Eltern. Ihre Beziehungen sind distanziert, es gibt keinen offenen Konflikt, aber auch keine Wärme. Die Frau räumt auf, wühlt in den Sachen ihrer Vergangenheit, stößt im Keller auf einen großen Karton mit prächtigen sowjetischen Ornamenten, auf dem steht: „Hühner-Grill.“ Darin finden sich Unmengen von Filmen ihres Vaters, manche sind entwickelt, andere nicht.

          Es gibt viele Geschichten solcher fotografischer Funde in Familien, mit zahlreichen Variationen und Lösungen. Maria nimmt die ganze Kiste mit nach London und fängt an, die Fotografien im Labor zu drucken. Viele davon kennt sie bereits aus Familienalben, solche oder ähnliche, mit Bekannten und Verwandten. Andere sind vor ihrer Geburt entstanden, sie kamen in kein Album und eröffneten ihr eine unbekannte Seite des Lebens ihres Vaters. Sie entdeckt ihn auf Fotos, noch bevor er seine Mutter heiratet und zum Vater wird. Sie fühlt eine untrügliche Bindung zu diesem ihr noch unbekannten Mann. Sie folgt einem halb bewussten Sog durch diese Fotografien und kommt ihren Eltern näher, im realen Leben wäre das eine Illusion.

          Die Eltern durch die Abwesenheit der eigenen Person zu erkennen oder wiederzufinden, das ist ein Topos in der Geschichte der Fotografie: In seinem Buch „Camera Lucida“ erkennt Roland Barthes seine Mutter in einem Mädchen, das noch sehr weit davon entfernt ist, eines Tages seine Mutter zu werden. Paradoxerweise ist es gerade auch hier die eigene Abwesenheit im Leben des Vaters, die eine Begegnung mit ihm ermöglicht. Durch ein Foto.

          Maria entscheidet sich, das Buch ihrem Vater zu widmen, diesem jungen Unbekannten, der ihr durch seine Fotos als verwandt erscheint. Sie entwickelt eine eigene Geschichte daraus. Sie versucht, die Welt zu rekonstruieren, die ihr Vater durch die Kamera gesehen hat. Das Bild, das wir hier sehen, kommt auf den Umschlag. „You Can Call Him Another Man“ nennt Maria K. das Buch, nach einem Zitat aus Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“.

          In Marias Buch kommen keine Familienfotos vor: Nichts, worauf man zeigen und sagen kann, „das ist meine Oma“ oder „hier bin ich zur Schule gegangen“. Es ist eine Art negativer Auswahl: Auf den Fotos sind meistens Menschen zu sehen, die die Autorin nicht kennt. Das Bekannte wirkt falsch, denn im Bekannten erkennt die Autorin nichts. Sie folgt dem Blick ihres Vaters auf den Fotografien von fremden Menschen neben Gebäuden, im Vorbeigehenden, in seinen Bildern von Zäunen und leeren Landschaften. Ein Mädchen fährt im Zug und liest. Wer ist sie? Die Fotos sind zwischen 1968 und 1974 entstanden, und Maria sucht Hinweise auf die politische Wirklichkeit jener Jahre. Doch sie findet nur den Alltag scheinbar sorgloser Menschen.

          „Laß deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen“ 

          Dieser Alltag formt keine Geschichten, sie werden nur angedeutet. Narrative werden dargeboten, aber nicht zu Ende erzählt, sie funktionieren wie die Eröffnung einer möglichen Geschichte. Sie werden von kurzen Zitaten aus Calvinos Buch begleitet, und die narrative Form ist auch davon beeinflusst: Die zehn Geschichten, die Calvino erzählt, brechen jeweils im Moment der höchsten Spannung ab und bleiben ohne Auflösung.

          In vielen Bildern fotografiert Marias späterer Vater aus dem Fenster, man sieht die schiefen Fensterrahmen. Er fotografiert Orte, die man in vielen anderen Städten finden kann, nicht nur in Narwa. Er fotografiert Typisches, was viele sehen. Auch sein Fernsehapparat mit dem Aufdruck „Woronesch“ ist mehrmals abgebildet, schöne Damen kommen vor, Juri Gagarin, Eiskunstlauf, auf einem Bild sieht man ein Flusspferd gähnen. Und ich höre schon die Stimme von Calvino: „Laß deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen.“

          Ich frage Maria, wer dieser Mann auf dem Foto sei. Sie zögert, mag nicht antworten. Sie werde immer gefragt, ob es ihr Vater sei. „Nein“, antwortet sie, und normalerweise fragen die Menschen nicht weiter. Es ist der Cousin ihres Vaters, und das Haus hinter ihm ist ihr Elternhaus. Es wurde Anfang der neunziger Jahre verkauft, um die Familie zu ernähren.

          Der Mann auf dem Foto spiegelt die Unsichtbarkeit des Fotografen, des Vaters. Dass seine Hände nicht frei sind, liefert ihn dem Fotografen aus. Vielleicht war es der Vater, der zuerst mit Schneebällen und dann mit der Kamera schoss. Der andere Mann versteckt sein Gesicht und lacht.

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