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Kolumne „Bild der Woche“ : Die Spuren der Jagd

  • -Aktualisiert am

Am Rio Grande, Grenzfluss zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Im Herbst 2014, als das Foto entstand, war er infolge der Dürre ausgetrocknet. Bild: Kirsten Luce

Rio Grande, 2014: Ein Mann geht. Verfolgt von einem Hubschrauber, der seinen Schatten wirft. Flieht der Mann oder kehrt er um? Die amerikanische Fotografin Kirsten Luce beobachtet seit langem die Grenze zwischen Mexiko und Texas.

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          Ein einsamer Mensch läuft durch einen hellen Streifen. Er bewegt sich von einem dunklen Element zum anderen, als hätte er eine Wahl. Er läuft von links nach rechts, so wie man schreibt. Die Spuren anderer Menschen begleiten ihn wie weitere Zeilen derselben Geschichte. Das Foto wirkt still, trotz des Schattens. In den letzten Tagen gab es viele Bilder von Märschen, Demonstrationen und Konzerten. Und hier – eine stille Einsamkeit. Darin steckt etwas Urwüchsiges, zum Ursprung führendes, eine Art mythologischer Konflikt. Ein Mensch, die Elemente, die Gefahr. Sogar wenn man nicht genau weiß, was hier passiert, sieht man, dass es um die Macht über die Landschaft geht. Der einsame Mensch wird vom Schatten eines Helikopters verfolgt. Er ist ein Einzelgänger der illegalen Immigration.

          Der Helikopter wirft einen Schatten direkt hinter dem Mann. Diese merkwürdigen fliegenden Maschinen, die Züge eines Pterodaktylus oder einer Libelle haben, retten Leben, ermöglichen Luftaufnahmen von unzugänglichen Landschaften. Helikopter sind auch mit der Jagd auf Tiere verbunden, mit Verfolgung und Krieg und mit dem unvergesslichen Anfang von „Apocalypse Now“.

          Die amerikanische Fotografin Kirsten Luce hat mehrere Jahre im Süden von Texas gelebt und für Lokalzeitungen gearbeitet. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ist zu ihrem wichtigsten Thema geworden, und zwar gerade im Rio Grande Valley in Texas, dem größten Korridor für illegale Einwanderung. Erst mit einem Auftrag der „New York Times“ bekam sie die Erlaubnis, mit dem „Office of Air and Marine“, das der Homeland Security unterstellt ist, über dieses Gebiet zu fliegen. Die Piloten dachten, dass sie fotografiert würden, Luce hat in Wirklichkeit tagelang Immigranten, ihre Scharen, ihre Schatten, ihre Spuren fotografiert. Auf einem ihrer Bilder sieht man Spuren auf dem Sand. Sie bilden schöne Netze, wie von wilden Tieren auf dem Schnee. Zugleich führen sie uns zurück zu aztekischen Bodenornamenten, die für den Betrachter im Himmel geschaffen wurden. So auch auf unserem Foto: Die menschliche Bewegung durch den Raum, durch den Fluss, hinterlässt Spuren, die nur Vögel und Götter sehen können. Und Grenzpolizisten. Was dem Betrachter visuell als heiliger Ritus erscheinen könnte, wird von ihnen als krimineller Akt verfolgt – denn hier verläuft die Grenze.

          Die zwei dunklen Streifen an den Rändern dieses Bildes sind die Gewässer des Rio Grande, des berühmt-berüchtigten Flusses, der mittlerweile von Millionen überquert wird, auf dem Weg in das gelobte Land im Norden. Migranten aus Mexiko, El Salvador, Ecuador. Hier prallt die Dritte Welt auf die Erste, Folge imperialer und kolonialer Politik der letzten Jahrhunderte, und die Menschen stecken im Schraubstock des Konfliktes.

          Infolge von Dürre entblößte der Fluss im Oktober 2014 trockene Sandstreifen in der Mitte. So konnte er zu Fuß durchquert werden. Die gespaltenen Gewässer verleihen dem Bild etwas Biblisches, als sei das Meer zur Seite getreten, um die Menschen passieren zu lassen. Der trockene Streifen verläuft aber parallel zur Grenze. Es reicht schon aus, dass der Helikopter nur auftaucht, und der Versuch der Flucht ist gescheitert. Der Mann auf dem Foto ging Richtung Roma, Texas (als würden tatsächlich alle Wege nach Rom führen), aber unter dem Schatten des Helikopters ist er umgekehrt, zurück nach Miguel Alemán, Mexiko. Umkehrende dürfen von Homeland Security nicht mehr verfolgt werden. Wir sehen nur den Schatten der Maschine, in der auch die Fotografin sitzt und – ebenso wie die Behörden – den Blick über dieses Stück Land beherrscht.

          Dieses Bild von 2014 wirkt heute noch härter als damals, da sich die Lage an der Grenze inzwischen dramatisiert hat. Mit den Maßnahmen des neuen amerikanischen Präsidenten, dem Mauervorhaben, der Trennung der Fluchtkinder von ihren Eltern, hat sich die Ausweglosigkeit weiter gesteigert.

          Wie ein heller Lebensstreifen wirkt der Sand. Die dunklen Gewässer sind unheimlich, unfreundlich, als würden sie den Mann – ganz gleich, wohin er laufen wird – verschlucken, als würden selbst die Ränder des Fotos einen Schlund darstellen. Dies ist kein Märchen, in dem der Held zwischen drei Wegen wählen kann. Hier gibt es nur zwei. Für diesen Mann sind beide riskant, hart und ungewiss. Auch der Weg zurück in die Heimat, nach Süden.

          Auf der Spurensuche der Fotografin wird eine neue Spezies Mensch entdeckt. Menschen, die in der Falle sind und ihre Spuren nur zeigen, um gejagt zu werden. Ein kleiner Bildausschnitt aus einem ewig zitternden Film.

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