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Kolumne „Bild der Woche“ : Adoptierte Geschichte

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Ein Berliner Flohmarktfund, zwei Unbekannte in Schwarzweiß, aus den Tagen des Mauerfalls 1989 Bild: Katja Petrowskaja

Ein Bild vom Flohmarkt im Berliner Mauerpark zeigt zwei Unbekannte und die gestürmte Mauer, November 1989. Wer waren sie? Ein historisches Dokument, deren wahre Geschichte man sich selbst ausdenken muss.

          Offensichtlich ist dieses Foto im November 1989 gemacht worden. Wahrscheinlich hat der Fotograf an diesem Ort mehrere Bilder gemacht, hat die besten aufbewahrt und dieses eine aussortiert. Ich habe den Abzug einzeln im Berliner Mauerpark gekauft, an der Stelle, an der die Mauer von der Bernauer Straße kommend scharf Richtung Norden abbog. Dort, wo früher der breite Todesstreifen lag, gibt es heute einen der größten Flohmärkte Berlins. Seit zwei Jahrzehnten wird hier Geschichte in Habseligkeiten und kleine Objekte zersplittert und verkauft. So habe auch ich ein privates Stück Mauerfall gekauft, als wäre es ein Teil meiner persönlichen Geschichte.

          Manchmal findet man in den ungeordneten Haufen ganze Familienarchive, lose oder in Alben, riesige Familienzweige, die aus unbekannten Gründen ihre gesetzmäßigen Erben verloren haben. Manchmal möchte man gar nicht wissen, warum sie hier gestrandet sind und nicht mehr irgendwo in massiven Holzschränken liegen. Auf dem Flohmarkt sind sie zur Adoption freigegeben.

          Jedes Mal, wenn ich zu diesem Flohmarkt im Mauerpark gehe, überschreite ich eine dünne Markierung, einen Streifen mit Pflastersteinen. Jedes Mal halte ich inne, so normal ist dieser Schritt, und doch so wunderbar in seiner Normalität, da es für eine ganze Generation nicht möglich war, ihn zu machen. Dort steht auf einer Metallplatte geschrieben: „Berliner Mauer 1961–1989“. Die Narbe der Mauer verbleibt in der Berliner Topographie, so wie das Datum – 13. August, Tag des Mauerbaus – wie ein kleiner Haken im meinem Kopf bleibt. Als ich jetzt am 13. den Streifen überquerte, erinnerte ich mich an meinen Fund.

          Nach dem Kauf hatte ich das Foto in mein Bücherregal zwischen andere, halbwichtige private Fotos gestellt: das von meiner alten Universität, das mit meinem Bruder und einem dritten – mit dem eingerüsteten Bolschoi-Theater, dem Plakat „Aida“ und mir davor. In dieser Reihe suggerierte das Mauer-Foto eine Art biographische Teilnahme. Als das Foto schließlich auf meinen Schreibtisch wanderte, schienen mir die Menschen darauf schon so vertraut, als wären sie meine unbekannten Verbündeten.

          Das Foto ist von der westlichen Seite aus gemacht, das erkennt man an den Graffiti, und hinter den Soldaten auf der Mauer sieht man die äußerste linke Säule des Brandenburger Tors. Erst strömten am 9. und 10. November vom Osten die Bürger der DDR nach West-Berlin, dann sind viele Westler von der anderen Seite auf die Mauer geklettert. Im Halbkreis um das Brandenburger Tor herum gab es eine extrabreite Antipanzer-Mauer, die niedriger, massiver als die sonstige Mauer und ohne Rundung oben war, so dass man auf ihr stehen konnte. Am 11. November hatten sich die DDR-Grenzsoldaten hier auf die Mauer gestellt, und erst am 12. wurde der Schießbefehl aufgehoben, und die Soldaten trugen keine Gewehre mehr. Vielleicht sehen wir gerade diesen Tag auf dem Foto.

          Im Zentrum steht ein Mann, der sich gerade der Frau zuwendet und in dieser Bewegung fotografiert wird. Seine Augen sind geschlossen. Blinzelt er gerade oder blendet ihn an diesem Novembertag die Sonne? Die Frau ist der eigentliche Mittelpunkt. Ihr Mund ist leicht geöffnet, als wäre sie überrascht, in Eile, so wie auch ein Mann am rechten Rande des Bildes. Der Fotograf und der Mann mit dem Schnurrbart umkreisen sie mit ihren Blicken und lenken auch unsere Aufmerksamkeit auf sie. Aber ihre Augen sind durch die Sonnenbrille bedeckt. Schützt sie sich doppelt? Wer ist hier aus dem Osten und wer aus dem Westen? Meine Freunde erklären mir, dass in dieser Zeit im Westen kaum jemand Schnurrbart trug. Fassbinder hatte einen ganz anderen, und auch der war längst gestorben.

          Die Frau sieht einer Frau, die ich kenne, sehr ähnlich. Für keine Sekunde habe ich geglaubt, dass ich sie auf dem Flohmarkt zufällig hätte „kaufen“ können. Ich fabuliere lieber über sie, über ihr Leben, ihren Beruf, auch über diesen flüchtigen Moment an der Mauer. Ob sie kurz herübergekommen ist? Studiert sie Kunst, oder möchte sie Kindergärtnerin werden? Ich denke an die mögliche Begegnung dieser Menschen in diesen turbulenten Tagen und erkenne zwischen beiden Gesichtern auf der Mauer das Wort „Chaos!“.

          Die Soldaten im Hintergrund sind ohne Köpfe, und die Menschen vorne sind ohne Körper, zeigen ihre Gesichter in Übergröße. Und das ist genau, was in diesen Tagen geschah und sich auf diesem Foto zufällig wiederfindet: Die gesichtslose anonyme Macht wird geköpft, tritt zurück und wird vage, die Menschen und ihre Geschichten kommen nach vorne. Sie schauen in verschiedene Richtungen gegen die geradlinige Logik der Mauer, auf der Suche nach einem anderen Menschen.

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