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Kolumne „Bild der Woche“ : Meine Nachbarin Kybele

  • -Aktualisiert am

Dmitry Gomberg: „Valentina“. Aus der Serie „Nachbarn“, 2008 Bild: Dmitry Gomberg

Die Alte heißt Valentina und lebte in Tiflis. Die Junge ist Kybele, Göttin der Erde. Das Original von Rubens hängt in der Eremitage. Valentina ist nicht mehr da. Ein Fotograf erinnert daran, wie nah beide Frauen sich kamen.

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          Vielleicht gibt es so etwas wie eine Aktualität der Gefühle, genauso wie es aktuelle Nachrichten gibt. Gefühle sind schwer zu definieren, aber man erkennt sie manchmal in Bildern, jedoch in einem übertragenen Sinne. Nach den traurigen Maskeraden der letzten Zeit scheint mir dieses Foto wie aus einer Kreuzung meiner eigenen Gedanken entstanden. Isolation? Älterwerden? Verschwinden? Heim? Das Foto ruft zugleich ein unwillkürliches Lächeln hervor und erinnert plötzlich an das, wofür man in der Kunst längst eine prägende Formel gefunden hat: memento mori!

          Wir sehen eine alte Frau, reflektiert in ihrem Spiegel. Über dem roten Tuch, das die Wand in ihrem Zimmer dekoriert, hängt eine Reproduktion des Bildes „Bündnis der Erde mit dem Wasser“ von Peter Paul Rubens. Das Foto ist – wenn auch zufällig – mit einer gewissen Ironie komponiert: Die alte Frau, bekleidet und bescheiden, vor einem biederen Hintergrund. Sie lächelt. Und daneben die junge Nackte à la Venus, die ihre Schönheit direkt vermittelt, die sich selbst exponiert.

          Die Alte ist nur bis zur Taille zu sehen, ihr Körper ist versteckt, sie kreuzt ihre Hände. Die Junge breitet ihre Arme einladend aus. Dabei sind beide als umrahmte Bilder auf der Wand zu sehen, als wären sie beide Kunstwerke und unterstützten einander in ihrer Existenz.

          Die Alte heißt Valentina und lebte in Tiflis. Die Junge ist Kybele, die Göttin der Erde. Das Original von Rubens befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg. Die ganze Sowjetunion war mit Reproduktionen der Kybele bepflastert, 1977 wurde sogar eine Briefmarke mit ihr herausgegeben. Kybele mit dem Füllhorn in der Hand flirtet mit Neptun, zwischen ihnen fließt das Wasser, das alles in der Allegorie der Fruchtbarkeit, der Prosperität und des Reichtums vereinigt – um sie herum sind die Siegesgöttin Nike, zwei Putten und Poseidons Sohn Triton gruppiert, die nebenbei auch das Obdach von Valentina segnen.

          So wie sich bei Rubens ein kleines Stück blauer Himmel zeigt, gibt es auch in der Spiegelung von Valentina ein kleines Stück blauer Farbe – eine Plastiktüte, das Füllhorn der modernen Gesellschaft. Auf dem Tisch steht eine Flasche, nein, kein Wodka, eher Ketchup. Auf dem Schrank liegt eine Öllampe, denn Tiflis war lange Zeit die Stadt der Stromausfälle. Der Rahmen des Spiegels wiederholt das Ornament der Tapeten, als würde das Ambiente die neuen Elemente aus seiner eigenen Struktur heraus erblühen lassen, als hätte diese Wohnung auch die floralen Kräfte des Füllhorns entwickelt.

          Bemerkenswert ist, dass dieses Foto selbst die Komposition des Kunstwerks von Rubens wiederholt, in dem sich das Motiv von unten links nach oben rechts organisiert und eine Diagonale bildet, in einer rotierenden Symmetrie. Alles steht etwas schief, so wie die frivole Kybele.

          Der Fotograf Dmitry Gomberg ist ein Wanderer. Aus New York kam er nach Georgien und zog monatelang mit Hirten und ihren Schafherden durch die Bergwelt Tuschetiens. In Tiflis fotografierte er seine Nachbarn. Der wurzellose Neu-Eingezogene porträtierte die Alteingesessenen, die er auf den halbverfallenen Straßen von Sololaki kennenlernte. Mittlerweile hat er ein ganzes Archiv mit Bildern und Notizen seiner Freundschaften im Viertel. Sieht er das Verschwinden einer Stadt und seiner Menschen deutlicher als die Einheimischen?

          Ein Blick für eine Million Dollar

          Valentina lebte mit ihren beiden Söhnen – beide Alkoholiker – in dieser Wohnung, von der man einen „Eine-Million-Dollar-Blick“ auf die Stadt hat, wie der Fotograf sagte. Früher war sie eine Näherin. „Sie war sehr warmherzig, und ich besuchte sie sehr gerne“, so Gomberg. „Aber einmal kam ich zurück nach Tiflis, und das Haus von Valentina war nicht mehr da. Die Nachbarin gab mir eine Adresse, ich bin dort hingefahren, aber auch da gab es sie nicht.“

          Vielleicht ist Valentina nun im Reich der Toten. Nach alten Sitten bedeckt man die Spiegel, wenn jemand stirbt. Aber hier sehen wir sie in einem prächtigen Rahmen an der Wand ihrer eigenen Wohnung, die nicht mehr existiert, von einem zugezogenen Nachbarn verewigt, der bald wieder weiterzieht.

          Doch dieses Foto zeigt keine Allegorie der Vergänglichkeit. Ich schaue auf das dunkelrote Tuch, auf die Ornamente dieses fremden Lebens und sehe dort einen Jungbrunnen, in den Valentina hineinsteigt und als Kybele wieder herauskommt.

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