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Zum Tod von Mira Kimmelman : Das Mädchen und sein Foto

  • -Aktualisiert am

„Unsere liebe Mira geht zur Schule“, Danzig 1930 Bild: Familienarchiv von Mira Ryczke-Kimmelman

Danzig, 1930: ein Mädchen auf dem Weg zur Einschulung. Mira Ryczke-Kimmelman wird dieses Foto immer bei sich tragen, im Warschauer Getto, in den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz, Bergen-Belsen. Jetzt ist sie gestorben, mit 95 Jahren.

          In der Freien Stadt Danzig geht ein Mädchen zur Einschulung, im Jahre 1930. Ihre Tüte ist voll mit Karamell und Pralinen für das süße Leben. Sie kommt in eine deutsche Schule. Deutsch ist ihre Muttersprache. Auf der Rückseite des Fotos steht nur: „Unsere liebe Mira geht zur Schule.“

          Das Mädchen mit der Zuckertüte ist meine letzte polnische Verwandte. Sie ist die Letzte der „Meinigen“ aus dieser polnisch-deutsch-jüdischen Welt der Vorkriegszeit, die eine ganz andere Zukunft hätte haben können. Mira lebte fünfundneunzig Jahre und starb vor zehn Tagen in Oak Ridge, Tennessee, in der Woche, in der ich zum ersten Mal Danzig besucht habe. Als hätte sie gewartet, dass sich der Kreis schließt.

          Nun steht das Mädchen auf der Straße, die „Wały Jagielloński“ heißt, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof von Gdansk. Vielleicht geht Günter Grass vier Jahre später zur selben Schule? Oder ist das nur mein Wunschgedanke, um die Absurdität der folgenden Ereignisse zu betonen? 1935 wird Mira aus dieser Schule entlassen, nur das polnische Gymnasium ist für sie noch erlaubt. Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 in eben ihrer Stadt ausbricht, ist sie 15 Jahre alt und wartet auf ein Visum für Palästina.

          Als ich zum ersten Mal mit Mira spreche, ist sie fast neunzig und antwortet auf Vorkriegsdeutsch, aus dem historischen Jenseits. Nach dem Krieg hat sie kein Deutsch mehr gesprochen. Sie konnte zwanzig Jahre lang überhaupt kaum darüber reden. Mit ihrem Mann sprach sie Polnisch, mit den Kindern Englisch. Als ich Mira 2012 „fand“, waren wir, sie und ich, die Einzigen in der „Familie“, die auf Deutsch kommunizierten. Sie fragte mich nach den deutschen Büchern, und ich brachte ihr unter anderem die „Blechtrommel“ mit in die Vereinigten Staaten.

          Wir alle haben viele solcher oder ähnlicher Fotos gesehen, auch von Kindern, die niemals erwachsen geworden sind. Ich denke unvermeidlich daran, weil auf der anderen Seite dieser Straße, direkt am Bahnhof, jetzt ein Denkmal steht, dass an die Kindertransporte erinnert. Mira aber hatte „Glück“. Sie hatte ein langes erfülltes Leben. Was an einem solchen Leben am meisten überrascht, ist seine Normalität. Zwei Söhne, vier Enkelkinder, von allen Seiten geliebt und bewundert. Und vor allem: Sie selbst begegnete Menschen neugierig und offen und schloss sie sofort in ihr Herz, so auch mich.

          Wenn wir auf dieses Foto schauen, schauen wir nicht nur auf ein Mädchen, welches das Warschauer Getto, das Getto Tomaszów Mazowiecki, die Konzentrationslager Bliżyn-Majdanek, Auschwitz-Birkenau, Hindenburg, Gleiwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt hat. Wir schauen auf das Foto, das auf diesem Weg immer bei ihr war. Moritz Ryczke, Miras Vater, hat ihr noch im Getto neunzig(!) Fotos und einige Dokumente in die Hand gedrückt. Und ihr gesagt, dass sie gerettet werden müssen.

          Wie sie die ganze Sammlung am Boden eines Blechnapfs eingeklebt und sich niemals davon getrennt hat, darüber schreibt Mira Ryczke-Kimmelman in ihrem Buch „Echoes from the Holocaust“. Der Blechnapf wurde zum Talisman, zum Totem, zum Schatz, zum Zaubertopf. Man könnte denken, dass nicht Mira den Blechnapf gerettet hat, sondern der Blechnapf sie. Niemals in all den Gettos und Lagern oder auf den Todesmärschen hat sie sich den Topf entreißen lassen, nicht einmal kontrolliert wurde er.

          Neunzig Fotos bleiben, am Boden des Blechnapfs eingeklebt 

          Wenn wir „Auschwitz“ und „Dusche“ lesen, können wir nicht weiter. Aber wir versuchen es. Stellen Sie sich einfach vor: Eine junge Frau geht in Auschwitz in die Dusche. Sie ist nackt und hält einen Blechnapf in der Hand. Sie wurde gerade brutal kahlgeschoren, wie sie später erzählt, und das Wort „brutal“ wirkt fast niedlich angesichts des Todes, der hier herrscht. Alle Kleider sind zur Seite gelegt. Und der Blechnapf? So fragt eine SS-Frau Mira etwas verwundert am Eingang zur Dusche: „Was ist das?“ Und Mira antwortet: „Meine Suppe.“

          Und sie lässt sie hinein. Und dort ist wirklich eine Dusche. Im Blechnapf ist ihre ganze Sippe. Die Szene ist so unfassbar, fast allegorisch, dass ich an halbverständliche mittelalterliche Bilder denke: Wie eine junge Dame mit leicht gewölbten Bauch etwas mit sich trägt, ihrer nackten Unschuld zum Schutz. Sie steht vor dem Teufel, die anderen kochen bereits in großen Kesseln, bestraft für ihre Existenz. Der Teufel fragt, was sie trägt, und sie antwortet, es sei das Gedächtnis, und er sagt, dann darfst du am Leben bleiben, aber nur du.

          Mira verliert alle außer ihren Vater, der viele Jahre später in den Vereinigten Staaten mit der resoluten Handschrift eines erfolgreichen Danziger Kaufmanns zwanzig „Death Records“ zu Papier bringt, für seinen Sohn, seine Frau, seine Eltern, alle Geschwister und ihre Kinder. Es bleibt nichts mehr von ihnen als die neunzig Fotos von Mira und ihrer Familie, von Freunden und Verwandten. Für einige Menschen werden sie zum einzigen Beweis ihrer Existenz. Außer den Fotos sind da noch die wichtigen Papiere des Vaters: eine Mitgliedsbescheinigung des „Vereins Danziger Getreide und Warengroßhändler e.V.“, Führerschein, Steuerbescheid von 1938. Moritz Ryczke hat bezahlt.

          Es ist Zeit, uns von Mira zu verabschieden, sie geht nun zur Schule.

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