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„Bild der Woche“ : Das leere Gerüst der Zukunft

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Am Kaspischen Meer, am Strand der aserbaidschanischen Stadt Lenkaran (aus dem Buch „Promising Waters“) Bild: Mila Teshaieva

Die Fotografin Mila Teshaieva hat eine Reise um das Kaspische Meer gemacht und Dörfer, Plätze, öde Landschaften fotografiert. Sie besuchte Menschen, die eine helle Zukunft bauen wollten – zu sowjetischen Zeiten gemeinsam, und nun getrennt.

          Auf dieses Foto bin ich in einem weiß-goldenen Buch mit der winzig kleinen Aufschrift „Promising Waters“ gestoßen. Der Umschlag schimmerte und strahlte Wärme aus, wie ein Versprechen, wie ein Fluss an einem Sonnentag, und ich griff oft nach diesem Buch in der grauen Dunkelheit.

          Die Fotografin Mila Teshaieva hat eine Reise um das Kaspische Meer gemacht und hat Dörfer, Plätze, öde Landschaften und Menschen in ihren Räumen fotografiert. Sie hat Metamorphosen eines Traums wiedergegeben, von Menschen, die eine helle Zukunft bauen wollten, zu sowjetischen Zeiten gemeinsam, und nun getrennt. Reichtum, Wohlergehen, Glück. Die Sonne ist auf diesen Bildern niemals richtig zu sehen. Die Welt um das mit Öl vergoldete Meer versinkt in milchiger Schwebe.

          Vielleicht suchte ich nach Offenheit und wollte dem Druck des Jahresendes durch den freien Blick auf die Küste entgehen. Dieses Foto hat mich sofort gefangen genommen (entsteht Freiheit durch solche „Gefangenschaften“?), vielleicht zuerst wegen der Traurigkeit, die aus dem Foto strömte. Ich dachte kurz an Filme, die ihre banal-traurigen Romanzen an verlassenen winterlichen Küsten spielen lassen, wie in „Ein Mann und eine Frau“ von Claude Lelouch mit Anouk Aimée.

          Das Meer ist die Grenze

          Ein Mann steht am Strand, allein, er blickt in die Unendlichkeit des Horizonts. Und alles ist seins, so weit der Blick reicht. Es gibt nichts Freieres als ein offenes Meer. Der Blick kennt hier keine Hindernisse und reicht bis zur Grenze der eigenen Möglichkeiten. Man ist der Freiheit ausgeliefert. Unser Mann sieht auf eine sich leicht abzeichnende, quer durch das Wasser verlaufende Reihe von Pfosten, die in regelmäßigem Abstand stehen. Ein Zaun? Fischernetze, wahrscheinlich.

          Fische werden im Netz gefangen, das Meer wird geteilt, und der Mann steht da, wie in einem Käfig gefangen. Er kann nicht sehen, dass eine spazierende Fotografin genau den Moment festhält, in dem er durch das leere Gerüst eines Zeltes hindurch gesehen werden kann. Auch die Fotografin wird beobachtet, als sie denkt, dass sie frei agiert; in diesem Moment kommt ein Polizist auf sie zu und sagt: „Sie dürfen hier nicht fotografieren. Hier verläuft die Grenze.“ „Wo genau verläuft die Grenze?“, fragt die Fotografin. „Überall“, erwidert der Polizist entschlossen. „Das Meer ist die Grenze.“

          Dieses kurze Gespräch öffnet noch eine Sichtweise auf die Grenze, auf eine unsichtbare, die man schützen muss, um nicht gesehen zu werden. Auf diesem Foto wird der freie Blick mehrmals gefangen und wieder freigesetzt. Der Mann – die Fotografin – der Polizist – der Betrachter. Es entsteht eine Zimmerflucht des Blickes. Der Beobachter des Fotos pendelt zwischen weitem und breitem Blick auf das Meer und dem irritierenden Fokus auf das Genick des Mannes im Käfig. Man wird von dem gefangenen Mann gefangen. Camera obscura.

          Das Foto ist in der aserbaidschanischen Stadt Lenkaran entstanden, nicht weit von der iranischen Grenze. Wie die Grenze am Meer exakt verläuft, ist umstritten. Das Meer wird von Russland und Iran als Binnengewässer betrachtet, das von allen Küstenstaaten gemeinsam genutzt werden darf. Wenn man aber das Meer zu einem internationalen Gewässer erklärt, bekommt jeder Staat, auch Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan, „das alleinige Recht der Ausbeutung seiner Küstenzone“. Irgendwo hier verläuft auch die Grenze zwischen Europa und Asien.

          Der Mann hält seine Hände gefaltet hinter seinem Rücken, wie der Insasse eines Gefängnisses auf einem Spaziergang, von allen Seiten eingesperrt durch von ihm nicht sichtbare Grenzen. Wir betrachten ihn durch das gelbe Gerüst eines Sommerstrandzeltes. Im Zelt steht – wie ein Gerüst in einem anderen – ein kleines Tischlein, das so aussieht, als habe sich hier früher etwas gedreht, ein Karussell, nur die Holzpferde sind weg, es ist Winter, und auch dieses Zelt hat seine bunten Kleider verloren, es steht hier wie ein Fossil, ein Relikt aus der prähistorischen Zeit des Sommers. Wie auch das Kaspische Meer, das eigentlich gar kein Meer ist, sondern der größte See der Welt, weit entfernt von den Ozeanen, abgegrenzt, eingesperrt auf einem Kontinent. Ein unbekanntes, immer etwas versprechendes Wesen.

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