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Kolumne „Bild der Woche“ : Kalter Krieg, Schwarz und Weiß

  • -Aktualisiert am

Ed Clarks Foto von Moses LaMarr in Leningrad Bild: The LIFE Picture Collection/Gett

Leningrad, Winter 1955: Die afroamerikanische Everyman Opera Company ist angereist, um Gershwins „Porgy and Bess“ aufzuführen. Erinnerung an eine historische Begegnung.

          3 Min.

          Dieses Foto ist voller Kontraste: schwarz und etwas ärmlich gekleidete weiße Kinder und Erwachsene – ein schwarzer Mann in heller eleganter Kleidung. Er spricht, oder nein, er singt, und sie schweigen, hören ihm zu, schauen mit Neugier und Erstaunen. Haben sie jemals zuvor einen Schwarzen gesehen? Überhaupt einen Ausländer? Oder staunen sie, weil sie von der kräftigen Opernstimme beeindruckt sind?

          Auch er ist neugierig, in dieser für ihn fremden Welt. Es ist Ende Dezember, ein Park in Leningrad, 1955. Überall liegt Schnee, alles ist in Weiß gehüllt, und die Kinder haben Schlitten dabei. Dieses Bild, das man sofort auf eine Exotisierung reduzieren kann, strahlt Wärme aus, trotz der Kälte des Winters. Hier findet eine wundersame menschliche Begegnung statt, die jahrzehntelang nicht möglich gewesen war.

          Der Mann, der wie Väterchen Frost wirkt, ist Moses LaMarr, der Bariton der Everyman Opera Company, ein Ensemble mit ausschließlich afroamerikanischen Sängern, gegründet 1952, noch vor der Bürgerrechtsbewegung. Mit „Porgy und Bess“ von George Gershwin reisen sie nach Leningrad und Moskau und sind damit die erste Theatertruppe aus den Vereinigten Staaten, die in der Sowjetunion seit 1917 auftritt. Begleitet wird die Tournee von Truman Capote, der über die Reise eine umfangreiche Reportage für den „New Yorker“ schreibt.

          Das State Department hat diese Inszenierung von „Porgy und Bess“ als das bis dahin teuerste Auslandskulturprojekt der amerikanischen Regierung unterstützt. Vier Jahre lang ist das Ensemble in der ganzen Welt unterwegs. Nur die Reise in die Sowjetunion wird paradoxerweise nicht gesponsert, da sie als „politically premature“ eingeschätzt wird.

          Man befürchtet, das Stück, welches von der Armut der Schwarzen in den Vereinigten Staaten handelt, könnte von der Sowjet-Regierung für antiamerikanische und antikapitalistische Propaganda benutzt werden. Also übernimmt das sowjetische Kulturministerium die komplette Finanzierung dieses Gastspiels.

          Dieses Schnee-Bild zeigt Tauwetter: Seit dem Tod vom Stalin im März 1953 stellt sich das Land seiner eigenen, verschwiegenen Vergangenheit und öffnet sich dem Ausland gegenüber. Im Jahre 1955 gastiert in Moskau die Comédie-Française, und es findet die erste Woche des französischen Films statt, Gérard Philipe ist dabei. Und plötzlich steht Moses LaMarr in der Mitte eines verschneiten Parks in Leningrad.

          Man kann sich kaum vorstellen, mit welch fieberndem Interesse und mit welcher Dankbarkeit diese ersten lebendigen Ost-West-Begegnungen wahrgenommen werden, trotz der beinahe totalen Kontrolle. Kulturhunger und Auslandssehnsucht waren wichtiger als Propaganda, als alle ideologischen Kalkulationen. „Porgy und Bess“ wird unerwartet als Musterstück des Sozialistischen Realismus gefeiert, die Musik bewundert und die Künstler bejubelt.

          Es gab praktisch keine Schwarzen in der Sowjetunion, die enorme Sympathie gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung schöpfte sich aus der Literatur, vor allem aus dem Kultbuch „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Es prägte Generationen sowjetischer Kinder in ihrem Mitgefühl für die Unterdrückten, dabei erinnerte die Sklaverei in den Vereinigten Staaten auch an die Leibeigenschaft im zaristischen Russland.

          Leidende Brüder und geborene Kommunisten

          Aus einer prekären Mischung aus marxistischen Formeln und christlicher oder allgemein menschlicher Ethik entstand ein Bild schwarzer Amerikaner als erniedrigte, leidende Brüder, als geborene Kommunisten, als das Weltproletariat selbst.

          Aber dieser Sänger ist sichtbar kein Proletarier. Das Foto spiegelt die Sprachmetaphern und die Semiotik, mit der Wladimir Majakowski in seinem Gedicht „Black und White“ jonglierte: Die Schwarzen machen schwarze Arbeit und die Weißen – weiße. Der kleine arme Billy fragt den weißen Boss, warum denn, ach, der Schwarze den „weißen, weißen Zucker“ machen muss – und wird daraufhin verprügelt.

          Dieses Foto erzählt davon, wie ein Ereignis durch übermäßige politisch-ideologische Erwartungen missbraucht wird, sich dann aber doch in einem Moment der menschlichen Begegnung davon befreien kann: Die Neugier und Freude des Treffens machen Fremdenfeindlichkeit unmöglich, die Kinder sind dankbar, gesehen zu werden und sehen zu dürfen. Hier sind beide Seiten „exotisch“, anders, unbekannt. LaMarr zieht einen Handschuh aus. Um eine Operngeste zu machen? Oder um Hand an sein Herz zu legen?

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