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Kolumne „Bild der Woche“ : Der Mann ohne Gesicht

  • -Aktualisiert am

Russell Lee: “Untitled photo“, North Dakota, August 1937, aus der Ausstellung „Killed Negatives: Unseen Images of 1930s America“, Whitechapel Gallery, London (bis 26. August) Bild: Whitechapel Gallery

Die amerikanische Regierung engagiert im Jahr 1935 bekannte Fotografen wie Walker Evans oder Russell Lee, damit sie Farmerfamilien und ihren Alltag dokumentieren. Weltberühmte Bilder entstehen. Andere werden zensiert, wie das Porträt eines Farmers in North Dakota. Warum?

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          Dies wäre einfach das Foto eines Farmers aus Dakota, wenn da nicht dieser dominante schwarze Punkt wäre. Der Mann ist ohne Gesicht: Sein Gesicht wurde zum Ziel, wie durchgeschossen, vom schwarzen Loch aufgesaugt. Eine Sonnenfinsternis des Gesichtes. Wenn man länger hinschaut, wird der schwarze Kreis zu einem Gesicht, wie bei einem dieser gesichtslosen Bauern von Kasimir Malewitsch. Sie stehen auf ihren bunt gestreiften Feldern und schauen auf uns, aus ihrer Gesichtslosigkeit heraus. Hat auch bei diesem Mann eine magische Auslöschung eines Menschen stattgefunden?

          Bei Vergrößerung können wir sogar die genaue Temperatur in Fahrenheit ablesen. Das Gesicht des Mannes aber können wir nicht rekonstruieren. Sein Gesicht wurde mit einem Locher gelöchert, und zwar nicht auf dem Foto-Abzug, sondern schon auf dem Negativ. Ein merkwürdig brutaler Akt der Zensur, die nicht immer klaren Prinzipien folgt, sich selbst oft überbietet und ins Absurde zwingt.

          Eine makabere Groteske

          „Killed“ steht in den Akten neben der Nummer des Fotos geschrieben. They shot the shots. Auf einem Bild hängt über den Bauern auf dem Feld eine schwarze Sonne, jemand in Weiß hat einen schwarzen Heiligenschein, der den Kopf ersetzt, eine Indianerin trägt ein schwarzes Loch dort, wo sie gerade ihr Baby hielt, einer Frau wird der Mund mit einem schwarzen Loch gestopft, eine vierköpfige Familie wird vier Mal gelöchert, und ein Pächter aus Tennessee wird in den Hals geschossen. Er schaut uns an, als würde er fragen: „Warum?“ Sind wir Zeugen eines Vernichtungsrauschs eines Beamten in seinem Archiv? Eine makabre Groteske: Am Tisch sitzen Männer, mit weißen Tüchern die Augen verbunden, die Fleisch testen sollen – und neben ihnen ein schwarzes Loch. Auch die Überschwemmung eines Dorfes wird zensiert. Darf es keine Flut geben? Manche Bilder wirken so brutal, als wären sie aus einem Katalog für Todesarten, ein unerwartetes Memento mori.

          Im Jahr 1935 hat die amerikanische Informationsabteilung der Farm Security Administration (FSA) eine Gruppe bekannter Fotografen engagiert, um ein großflächiges Hilfsprojekt für verarmte Farmer zu dokumentieren. Jack Delano, Walker Evans, Theodor Jung, Russell Lee, Arthur Rothstein, Ben Shahn und einige andere sollten über mehrere Jahre Farmerfamilien und ihren Alltag in verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten fotografieren. Daraus sind weltberühmte Bilder vom ländlichen Amerika entstanden. Die FSA erkannte das große Potential der Fotografie: „Die Kamera in den richtigen Händen muss ein wertvolles Hilfsmittel für Regierungsbehörden werden.“ Roy Stryker, der Chef der Informationsabteilung, versah die beauftragten Fotografen mit strikten Anweisungen, was genau fotografiert werden solle. Er entwickelte fotografische „Drehbücher“ als Grundlage für Reportagen; gezeigt werden sollte, wie die Farmerfamilien aus der Not nach der Finanzkrise von 1930 dank der Hilfe der FSA wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft schöpfen: „Improved farm – Everybody is happy“ ist der schlichte Hollywood-Slogan für das letzte Foto.

          Zur Nicht-Existenz verurteilt

          In der Londoner Whitechapel Gallery sind nun jene Fotos ausgestellt, die damals zensiert wurden. Genauer gesagt sind es gescannte Digital Prints von den Negativen. Jede Auswahl von Information ist ein Akt der Selektion, eine versteckte Tötung. Warum wurden gerade diese Bilder aussortiert? Warum diese wilde Form der Vernichtung? Normalerweise locht man etwas, um es in einem Ordner abzuheften, um Ordnung herzustellen, und hier? Gab es eine Regel, welcher Teil eines Fotos gelocht werden musste, oder war es reine Willkür?

          Genau in derselben Zeit wurden in der Sowjetunion Menschen aus Bildern wegretuschiert, die zuvor selbst vernichtet worden waren. So wurden alle Zeugnisse gelöscht, dass es sie überhaupt gegeben hatte. Die Zensur der schwarzen Löcher aber hat heute sogar einen diskreten Charme: Die ganze Fotoserie hat einen surrealistischen Touch, die schwarzen Scheiben wirken wie Erfindungen einer konzeptuellen Kunst.

          Der Mann ohne Gesicht ist das radikalste Bild der Reihe. Hier ist beinahe nichts Menschliches geblieben, kein Raum für Empathie, nur eine Abstraktion von „Nicht-Existenz“. Genau deswegen wurde ich von diesem Foto getroffen wie von einem Ball im Gesicht, weil es an die schwarzen Löcher unserer Zeit erinnert, an jene Teile der Realität, die zensiert sind, die wir übersehen, die uns entschwinden: An den Hungerstreik von Oleg Sentzow, an seine Krim, an andere Menschen, die während der großen Fußballfeier seit Wochen im Hungerstreik sind. Sie sind von den Medien und Machthabern wie ausgelocht, zur „Nicht-Existenz“ verurteilt, weil sie nicht zum Thema passen, so sind auch wir an ihrer öffentlichen Auslöschung beteiligt.

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