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Katholische Mentalität : Mosebach in der Piusfalle

Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach Bild: Helmut Fricke - F.A.Z.

Im neuen „Spiegel“ versucht sich der Schriftsteller Martin Mosebach an der Definition einer „katholischen Mentalität“. Warum bemerkt er dabei nicht, dass die Definition geradewegs auf das feist-dreiste Denken hinausläuft, das er im gleichen Artikel an den Piusbrüdern kritisiert?

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          Ganz am Ende seiner lesenswerten Einlassung im „Spiegel“ („Warum der Papst tun musste, was er tat“) kommt der Schriftsteller Martin Mosebach zu einer Definition dessen, was er „katholische Mentalität“ nennt. Katholische Mentalität heiße, im Blick aufs Ultramontane „mit einem kleinen Teil des Bewusstseins nicht Deutscher, nicht Zeitgenosse, nicht Erdenbürger zu sein“. Haben wir so gewettet, als wir die Wette auf Gott abschlossen? Dass sich die Tatsache der christlichen Taufe in einer „katholischen Mentalität“ niederzuschlagen habe, lässt aufhorchen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Scheint doch erst als Mentalität, als eine alles Säkulare überspringende Denkweise, das Katholische in Gefahr, den Bogen Gottes zu überspannen. Leszek Kolakowski sprach in diesem Zusammenhang vom Wuchern des Mythos. Auch das Bewusstsein, der Zeitgenossenschaft zu entkommen, kann doch nie anders denn als Zeitgenosse gewonnen werden. Wie sollte das möglich sein, sich aus höherer metaphysischer Einsicht aus seiner Zeitgenossenschaft zu stehlen, aus den Bezügen von Recht und Kultur und Politik - und sei es mit einem klitzekleinen Bewusstseinszipfel nur? An solche Zipfel hängen sich Esoteriker aller Couleur, politische Romantiker und hohnlachende Dezisionisten.

          Dummstellen im Namen Gottes

          Bemerkt Mosebach nicht, dass es genau diese als Generalklausel gehandhabte vermeintliche „katholische Mentalität“ ist, jenes Dummstellen im Namen Gottes, welche das feist-dreiste Denken hervorgebracht hat, das auch er an den Piusbrüdern kritisieren möchte: „Weltfremdheit und Eiferertum, eine krankhafte Verengung der Geister“? Ein Denken übrigens, das den Papst als Galionsfigur einer verrotteten nachkonziliaren Kirche verzeichnet.

          Mosebachs Einlassung will aus der hilfreichen Darlegung dessen, was eine Exkommunikation ist, die Notwendigkeit ihrer Aufhebung im konkreten Fall der Piusbruderschaft ableiten. Dabei manipuliert er mit einer pastoralen Suggestion die einschlägigen theologischen Argumente. Der springende Punkt ist ja, dass auch die Aufhebung einer Exkommunikation - wie theologisch wünschenswert sie immer erscheinen mag - der Idee nach kein besinnungsloses Verfahren darstellt, sondern an nachvollziehbare Gründe gebunden bleibt. Mosebach tut indessen so, als sei man im Zeichen der Übernatur (vulgo „katholische Mentalität“) über solche natürlichen Gründe erhaben.

          Er schreibt: „Strenggenommen exkommuniziert sich derjenige selbst, der gegen die Einheit der Kirche verstößt - die Aufhebung dieser Exkommunikation kann ihm nicht verwehrt werden, wenn er aufrichtig begehrt, zu dieser Einheit zurückzukehren.“ Hier klärt der Autor selbst über das entscheidende Kriterium auf, an dem sich die Rücknahme einer Exkommunikation zu messen hat: die Aufrichtigkeit des Begehrens, der Kirche rechtsgültig wieder eingegliedert zu werden. Es ist doch nun aber gerade die mangelnde Aufrichtigkeit, die im vorliegenden Fall ins Auge sticht und das eigentliche Thema darstellt. Ein Thema, das Mosebach in seiner Einlassung zum Verschwinden bringen möchte. Nur im schriftstellerischen Konstrukt einer „katholischen Mentalität“ geht solches vorsätzliche Verfehlen des Themas durch.

          In Ruhe abwarten

          Mit keinem Wort gewichtet Mosebach, dass die Piusbruderschaft seit Jahren schon und nach wie vor programmatisch gegen das Zweite Vatikanische Konzil hetzt - gegen dasselbe Konzil der Religionsfreiheit und Aussöhnung mit dem Judentum also, auf das die Piusbrüder mit der Aufhebung der Exkommunikation verpflichtet werden sollen. Mit keinem Wort fällt bei Mosebach ins Gewicht, dass die Rücknahme des Kirchenbanns auf nichts als das Prinzip Hoffnung gegründet ist - einer blinden Hoffnung, wie Pokerface Williamson stellvertretend für seine Bruderschaft hohnlächelt, die sich nun umso mehr zur „Bekehrung Roms“ ermächtigt sieht.

          Mosebachs blinder Fleck hat damit zu tun, dass er die Piusbruderschaft im Grunde nur aus liturgischer Perspektive beobachtet: Sie hat den tridentinischen Ritus gerettet; das war ihre historische Aufgabe; alles andere ist zweitrangig: „Ob es der Piusbruderschaft gelingt, in der Vielfalt der kirchlichen Gegenwart ihren Platz zu finden, kann nun in Ruhe abgewartet werden; ihre historische Aufgabe jedenfalls ist abgeschlossen.“

          In Ruhe abwarten - zumal, so Mosebach, die Rücknahme der Exkommunikation der frommen Rabauken damit zu tun haben könne, „dass es gerade dieses Wissen von einer wachsenden krankhaften Verengung der Geister war, das den Papst zum Handeln angetrieben hat“. Da war der Schriftsteller ersichtlich schon kein Erdenbürger mehr.

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