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Katharina die Große : Verwandte Seele: Eine Zarin für die Kanzlerin

Merkels Vorbild? Katharina die Große Bild: picture-alliance / dpa

Es wirkt wie die Beschwörung eines leuchtenden Vorbilds in dürftiger Zeit: Angela Merkel wird sich einen Porträtstich der russischen Zarin Katharina der Großen auf ihren Schreibtisch stellen.

          Es wirkt wie die Beschwörung eines leuchtenden Vorbilds in dürftiger Zeit: Angela Merkel wird sich einen Porträtstich der russischen Zarin Katharina der Großen auf ihren Schreibtisch stellen. Die sprichwörtliche „starke Frau“ soll sie bei ihrem schweren Beginn als erste deutsche Bundeskanzlerin inspirieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Keine andere Figur könnte die Politikerin Merkel besser an die Tugenden erinnern, die in ihrer ostdeutschen Heimat wurzeln. Katharina, die Deutsche auf dem Zarenthron, die sich den seltenen Ehrentitel historischer Größe erwarb, war im Alter von fünfzehn Jahren als Prinzessin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst nach Rußland gekommen. Bräute aus dem mittleren deutschen Adel standen über Jahrhunderte im Ruf, wegen ihres Fleißes und ihrer nahezu unbegrenzten Anpassungsfähigkeit ideale Zarengattinnen zu sein.

          Strenge Schule der Selbstverleugnung

          Wie Katharina als junge Gattin des ungebärdigen Romanowzaren Peter III., so durchlief auch Angela Merkel als Pastorentochter in der DDR eine strenge Schule der Selbstverleugnung, bis hin zum verschlossenen Pokerface. Hinzu kamen Zähigkeit, Lernfähigkeit und die chronische Unterschätzung durch ihre Umgebung. Selbst in ihrer Einstellung zur Mode findet die demokratische Politikerin, die bekennt, bei harter Arbeit bevorzuge sie Hosen und flache Schuhe, in der Autokratin Katharina eine verwandte Seele. Auf Paradegemälden zu luxuriösen Prunkroben verpflichtet, ließ diese sich gerne sogar im maskulinen Militärmantel verewigen.

          Der politische Werdegang der großen Zarin aus Deutschland scheint sich freilich als Vorbild für den russischen Präsidenten Putin besser zu eignen als für eine moderne Christdemokratin. Zarengattin Katharina, die nach zwölf Jahren Ehe ihren trunksüchtigen Mann beseitigen ließ, ist als aufgeklärte Despotin in die Geschichte eingegangen. Die hochgebildete Herrscherin liebäugelte mit Verfassungsreformen, dachte gar daran, die Leibeigenen zu befreien, um nach dem Pugatschow-Bauernaufstand die Privilegien des Adels zu stärken.

          Verdienste um das Bildungswesen

          Rücksichtslos dehnte Katharina die Grenzen ihres Imperiums nach Süden und Westen aus, verschlang Polen, Ossetien, die Krim. Der gewaltige Raum ihres Staatsgebietes diente ihr zugleich als Argument, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen: Wo die Verkehrswege lang und beschwerlich sind, müßten, so glaubte man im achtzehnten Jahrhundert, die Befehle kurz, direkt und unumstößlich sein. Als bedeutendste innenpolitische Leistungen finden Katharinas Verdienste um das Bildungswesen noch heute Anerkennung.

          Das Bildnis der Zarin im Kanzleramt könnte einen neuen Horizont russisch-deutscher Phantasien aufscheinen lassen. Während Deutschland eben noch für viele Russen, die es um seine politische Stabilität, das Sozialsystem und die Produktivität seiner Wirtschaft beneideten, ein Vorbild war, wird Rußland heute gerade wegen des Fehlens dieser bewunderten Eigenschaften zu einem Investitionsmagneten. Angela Merkel, die sich mit Putin russisch unterhalten kann, wäre froh, wenn sie einen Bruchteil der Handlungsfreiheit des russischen Thrones hätte.

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