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Kate Moss : Die schläfrige Katze

Bild: Hedi Slimane courtesy Schirmer/Mosel

Als Kate Moss im Teenageralter die Modelwelt betrat, hielten viele das dürre Mädchen für einen Irrtum. Das war ein Fehler. Kate Moss ist noch immer da. Weshalb, das zeigt ein neuer Bildband.

          Sie durfte nicht fehlen. Als Mario Sorrenti den Auftrag erhielt, für den Pirelli-Kalender 2012 zu fotografieren, übrigens zum ersten Mal in seiner Karriere, war klar, dass Kate Moss mit von der Partie sein musste. Also reisten Sorrenti, sein Team und einige Models - darunter Milla Jovovich, Lara Stone, Isabeli Fontana und eben Kate Moss - nach Korsika, wo aufregende Bilder inmitten einer großartigen Natur entstanden. Und wie immer, wenn Kate Moss irgendwo dabei ist, fällt sie aus der Reihe. Für Sorrenti räkelt sie sich mit nacktem Oberkörper an der Wand eines alten Steinhauses, den Mund leicht geöffnet, allerdings ohne Zigarette.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es gibt ein „Making Of“ der Foto-Session, in dem Kate Moss ein paar Sätze in die Kamera sagt, wobei sie aussieht wie eine schläfrige Wildkatze. Dabei ist es vollkommen egal, was sie sagt, entscheidend ist, wie sie es sagt, mit dieser verrauchten, rotzigen Londoner-Vorort-Stimme, die sich vor nichts zu ängstigen scheint. Wer diese Stimme je gehört hat, der wird sie im Ohr haben, wenn er durch den soeben erschienenen Bildband „Kate Moss“ blättert, was wegen dessen Größe und Gewicht leider eine mühsame Angelegenheit ist.

          Das Gesicht eines Models, heißt es ja, müsse wie eine leere Leinwand sein, also nach Belieben inszenierbar. Das Gesicht von Kate Moss ist das Gegenteil davon. Kate Moss bleibt Kate Moss, ganz gleich, ob ihr Haar kurz ist oder lang, gegelt oder wild, blond oder braun. Es ist auch egal, ob man sie in Lack, Leder, die Uniform einer Krankenschwester, schwarze enge Kleider oder in gar nichts steckt. Auf all den Fotos, die dieser Band versammelt, seien sie nun von Peter Lindbergh, Bruce Weber, Mario Testino, Richard Prince, Mario Sorrenti oder Herb Ritts, schimmert ihr unbeugsames Wesen durch.

          Bilderstrecke

          Ihr Blick hat etwas unverschämt Unverfrorenes. Sie wirkt wie jemand, den man mitten in der Wildnis aussetzen könnte, ohne dass ihm irgendetwas zustoßen würde. Die Fotos (darunter leider nicht ein einziges Privatfoto), von denen Kate Moss behauptet, sie seien ihre Lieblingsfotos, folgen keiner Chronologie. Man hat den Eindruck, hier habe jemand eine Kiste voller Aufnahmen ausgeschüttet und sie nach dem Zufallsprinzip arrangiert.

          Die Botschaft ist klar, und damit sie auch jeder versteht, formuliert Kate Moss sie sicherheitshalber in dem vorangestellten Interview: „Es ist keine Biographie. Ich will keine Rückschau, weil ich nicht das Gefühl habe, es wäre für mich schon alles erledigt und vorbei.“ Kate Moss ist achtunddreißig Jahre alt. Im Modelgeschäft ist in diesem Alter bekanntlich tatsächlich schon alles längst vorbei.

          Als das Magazin „The Face“ Kate Moss 1990 auf dem Titel druckte - und zwar mit Indianerfedern auf dem Kopf -, war das eine Revolution. Kate Moss verkörperte die Antithese zur damaligen Modelwelt, die langweilig glatt und schön war und im Luxus feststeckte. Sie war dürr, blass, hatte leicht schiefe Zähne und war außerdem mit 1,70 Metern für ein Model viel zu klein. Auf die Branche wirkte sie wie ein Versehen, ein auf von der Straße aufgelesener Sozialfall, der bald wieder von der Bildfläche verschwinden würde.

          Anhaltender Erfolg statt Koks-Affäre

          Aber Kate Moss, die als Vierzehnjährige auf einem Flughafen entdeckt worden ist, verschwand nicht. Sie blieb bis heute. Und während Models wie Claudia Schiffer, Cindy Crawford oder Christy Turlington oft aussehen, als würden sie ein unheimlich diszipliniertes Leben führen mit viel gesundem Essen und literweise Wasser pro Tag, was ja schnell etwas Verbissenes hat, scheint Kate Moss an ihrem ungesunden Lebensstil wenig geändert zu haben. 2005 tauchten in der Presse Bilder auf, die sie dabei zeigten, wie sie gerade weißes Pulver in Linien legte.

          Die Koks-Fotos hätten jeder anderen wohl das Genick gebrochen, aber wir wissen, wie Kate Moss’ Geschichte weiterging: Ein paar Kunden kündigten ihre Verträge, darunter Burberry, wobei es die Marke nicht wirklich lange ohne das Model aushielt. Nach einer kurzen Pause war Kate Moss noch begehrter als sie es ohnehin schon gewesen ist. Die Drogenexzesse und der Klinikaufenthalt hatten ihren Preis nur in die Höhe getrieben. Wieder hatte sie gewonnen.

          Die Modekritikerin Sarah Sands schrieb einmal, man werde einfach nicht müde, Kate Moss anzuschauen, der Appetit auf sie wachse und wachse. Es sieht ganz danach aus, als sollte das noch eine Weile so bleiben.

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