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Kataloniens Unabhängigkeit : Die gespaltene Gesellschaft

Demonstration für die katalanische Unabhängigkeit in Barcelona Bild: Getty

Die einen wünschen sich einen eigenen Staat, die anderen begreifen sich als Teil Spaniens. Worum geht es eigentlich bei der katalanischen Unabhängigkeit wirklich? Schlichte Bemerkungen zu einem dornigen Thema

          Radiointerview mit einem deutschen Sender nach den Regionalwahlen in Katalonien vor zwei Wochen. „Ich wollte noch auf etwas hinweisen“, sage ich der Moderatorin beim Vorgespräch. „In den deutschen Nachrichten heißt es, die Befürworter der Unabhängigkeit hätten die Wahl gewonnen.“ – „Genau.“ – „Das stimmt so nicht. Die Sezessionisten haben die absolute Mehrheit der Sitze gewonnen und können damit in Katalonien eine Regierungskoalition bilden, auch wenn das aufgrund der ideologischen Unterschiede unter den drei Parteien höllisch schwierig wird. Doch in bezug auf die Frage, die alle Welt beschäftigt, haben sie verloren. Sie haben die Regionalwahlen zum Plebiszit über die katalanische Unabhängigkeit erklärt und sich ‚fünfzig Prozent plus’ zum Ziel gesetzt. Bekommen haben sie aber nur 47,8 Prozent.“ – „Im Ernst?“ – „Ja. Nicht eine Mehrheit, sondern eine Minderheit der wahlberechtigten Katalanen wünscht einen eigenen katalanischen Staat.“ – „Dann müssen wir das in der Sendung sagen.“ – „Ja“, sage ich. „Das sollten wir.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ein Hoch auf diese Moderatorin. Sie hat sich nicht mit den Schlagwörtern begnügt, die über das Thema der katalanischen Unabhängigkeit in Umlauf sind, sondern nachgefragt. Und dann die Anmoderation geändert. Das ist mehr, als ich bei manchen Kommentatoren in Katalonien entdecke, den Herrn Ministerpräsidenten Artur Mas eingeschlossen. Seit Monaten beherrscht ein gefrorenes Wahlkampflächeln die Züge dieses Mannes.

          Aber nicht mehr lange, denn die Zukunft wird voraussichtlich ohne ihn stattfinden. Die Antisystem-Partei CUP, der Koalitionspartner, ohne den Mas’ Bündnis „Gemeinsam fürs Ja“ nicht wird regieren können, hat schon angekündigt, dass sie ihn als Landesvater nicht mehr sehen will. Die CUP-Leute waren auch so ehrlich, die Niederlage der Sezessionisten einzugestehen: Da man die fünfzig Prozent nicht erreicht habe, sei ein „unilateraler Weg“ zur Unabhängigkeit ausgeschlossen. Artur Mas stieß derweil mit Sekt katalanischer Herkunft auf die 62 (von 135) gewonnenen Sitze seiner Wahlkoalition an. Für ihn „geht das Projekt weiter“. Das wissen wir schon länger. Artur Mas reitet einsam in den Sonnenuntergang – oder aber in den Abgrund. Politiker wie Mas haben es fertiggebracht, die katalanische Gesellschaft in zwei annähernd gleich große Blöcke zu spalten – den einen, der sich einen eigenen Staat wünscht, den anderen, der sich als Teil Spaniens begreift. Worum geht es dabei? Ein paar Stichworte zur Orientierung.

          Sprachkrieg in Behörden, Schulen und Bildungseinrichtungen

          Katalanische Sprache: Der große Stolz der Region und ein wichtiges Vehikel zur kulturellen Identitätsbekräftigung. Etwa 11,5 Millionen Menschen sprechen Katalanisch. Auch in Valencia (dort nennen die Leute es valenciano) und auf den Balearen (mallorquín) werden Varianten des Katalanischen gesprochen. Meine Auffassung, Mehrsprachigkeit sei kultureller Reichtum, wird nicht von allen geteilt. Großspanische Patrioten sehen in der Expansion des Katalanischen eine Bedrohung, eingefleischte Katalanisten wiederum möchten das Spanische – den Sprechern nach die stärkste Sprache in Katalonien – zurückdrängen. Die Folge ist ein Sprachkrieg, der in Behörden, Schulen und Bildungseinrichtungen ausgetragen wird.

          Katalanische Literatur: Einige gute Schriftsteller der Region schrieben oder schreiben ihre Werke auf Katalanisch – die Erzähler Jaume Cabré, Quim Monzó oder Sergi Pàmies zum Beispiel oder Lyriker wie Joan Brossa und Miquel Martí i Pol. Zur Verbreitung des Ruhms des Letzteren hat in Deutschland auch Bayern-Trainer Pep Guardiola durch öffentliche Lesungen beigetragen. Andererseits gibt es auch katalanische Erzähler, die ihre Bücher auf Spanisch schreiben, darunter Juan Marsé und Eduardo Mendoza. Beide lehnen die Sezessionsbewegung ab, beide standen schon im Rampenlicht, als in Katalonien, der Gastkultur der Frankfurter Buchmesse 2007, Streit darüber ausbrach, ob auch Spanisch schreibende Katalanen die katalanische Kultur vertreten dürften. Die offizielle Antwort hieß damals: Nein.

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