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Kataloniens Unabhängigkeit : Die gespaltene Gesellschaft

Unterstützer der Unabhängigkeit Kataloniens

Katalanische Identität: Dass alle Katalanen eine haben, steht außer Frage. Bei manchen schließt sie den spanischen Anteil ein, bei anderen nicht. Das Schicksal will es, dass Katalonien für beide Gruppen eine Heimat ist. Im Stadtgebiet von Barcelona hat die Unabhängigkeitsliste „Gemeinsam fürs Ja“ nur gut 37 Prozent der Stimmen geholt, in manchen Orten des ländlichen Girona dagegen mehr als fünfzig. Was ist „typisch katalanisch“? Zum Beispiel die castellers genannten Menschentürme. Oder eine bestimmte Form der Bürgerkultur, die sich dem Denken stolzer Händler und Kaufleute verdankt. Oder die Kunst des Paktierens. Oder eine wohlschmeckende Wurst namens botifarra. Und auf jeden Fall Brot mit Tomatenpüree (pa amb tomàquet oder pa amb tomata oder pa amb tomaca, je nach katalanischem Dialekt). Kultur, Sport, Gastronomie und Folklore dieser reichen Region sind nie gemeint, wenn man sich gegen den hitzigen Katalanismus verwahrt. Gemeint ist das Ausschließende daran, die provinzielle Betonung des Trennenden.

Es geht auch ums Geld

FC Barcelona: Begreift sich als Aushängeschild der hier lebenden Menschen und hat eine entschieden internationale Seite. Gegründet von dem Schweizer Hans („Joan“) Gamper, groß gemacht von dem Niederländer Johan Cruyff, dessen Philosophie des schönen Angriffsspiels sich Barça (Vereinsmotto: „Mehr als ein Klub“) immer noch verpflichtet fühlt. Eine an den Haaren herbeigezogene ideologische Konstruktion, der ein autoritärer Rüpel wie José Mourinho gerade recht kam, ist jedoch die Gleichung FC Barcelona = Demokratie, Real Madrid = Franquismus. Überhaupt hat der Portugiese viel Wasser auf die Mühlen der Katalanisten gelenkt.

Katalanische Geschichte: Bringt die Menschen zum Weinen. Sie fühlen sich aber nicht schlecht dabei. Eine der wenigen Kulturen, die den Tag einer historischen Niederlage – den Fall Barcelonas gegen die Truppen des Bourbonenkönigs Philip V. im Jahr 1714 – zum Feiertag erhoben haben. Daher spricht man vom katalanischen Viktimismus. Geschichtliches Pech: dass Katalonien zwischen den Großmächten Frankreich und Spanien nie eine Chance auf einen eigenen Staat hatte. Das Trauma: dass die Franco-Diktatur die katalanische Sprache und Kultur unterdrückte. Vorsicht vor sentimentalisierender Vereinnahmung. Nicht nur Barcelona wurde im Bürkerkrieg von Francos Geschwadern aus der Luft bombardiert, auch Madrid. Die beiden größten Städte fielen als letzte, bis dahin leistete die Bevölkerung tapfer Widerstand. So zu tun, als habe der Diktator Katalonien vierzig Jahre lang in Geiselhaft genommen, ist Geschichtsklitterung. Ich empfehle einen Blick ins Zeitungsarchiv. In Katalonien wie auch in Madrid gab es Mitmacher, Profiteure, Krisengewinnler. Wie hätte Katalonien sonst zur wohlhabendsten spanischen Region werden können?

Spanien: Als gängelnde Zentralmacht ein rotes Tuch für Sezessionisten. Das Autonomiestatut von 1978, das die Selbstbestimmungsrechte der einzelnen Regionen nach der Überwindung der Diktatur regelt, wurde aber demokratisch – auch von Katalanen – verabschiedet. Katalonien darf sich demnach „historische Nation“ nennen, hat weitreichende Kompetenzen in Wirtschaft, Justiz und Bildungspolitik. Mit Sicherheit hätte es gern mehr. Und eine deutlicher markierte Sonderstellung. Die spanische Form des Länderfinanzausgleichs empfindet man in Katalonien als Ausbeutung, die spanischen Faulpelzen zugute komme. Es geht also auch ums Geld. Um einen Unabhängigkeitsprozess zu beginnen, müsste zuerst die demokratische Verfassung geändert werden. Bisher reagiert die Rajoy-Regierung durch Schweigen auf das Begehren der Sezessionswilligen. Klagen, Vorschläge, Demonstrationen werden ausgesessen.

Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang

Und jetzt? Gewiss kommt die katalanische Unabhängigkeit nicht in 18 Monaten. Ich neige zu der Annahme, dass sie überhaupt nicht kommt. Kein Referendum hatte bindenden Charakter, keine Volksbefragung war objektiv. Und die Zahlen sprechen ohnehin dagegen. Zu schweigen von Europa, dem Euro, der Nato, Merkel, Hollande. Kaum jemand unter den Europäern will sich eine katalanische Sezession von Spanien ausmalen. Schon gar nicht angesichts der Herausforderung durch die Ankunft weiterer Flüchtlinge. Politisch wird die kommende Legislatur für Katalonien ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Rajoys Nichtstun ist zu Recht kritisiert worden; einem Regierungschef müsste mehr einfallen. Phantasie und staatsmännische Größe wären auf beiden Seiten gefragt. Reden und Verhandeln, etwas anderes bleibt nicht. Aber bis zu den spanischen Parlamentswahlen im Dezember wird kaum etwas passieren.

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