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Kassiber-Ausstellung in Marbach : Nicht für das Tageslicht, doch für die Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Standesbewusst: Egon Krenz schreibt Hermann Kant zum Geburtstag aus der JVA Plötzensee, mit korrektem Absender im Briefkopf Bild: DLA Marbach

Kleine Botschaft, großer Triumph: Marbachs Literaturmuseum widmet dem Kassiber eine Ausstellung. Diese Geheimnisse brauchen eine Öffentlichkeit.

          3 Min.

          Hans und Christine von Dohnanyi hatten das Schlimmste erwartet und sich vorbereitet. Sie wussten, dass die Gestapo kommen und die an Attentatsplänen auf Hitler beteiligten Eheleute verhaften würde, sie wussten auch, dass es, wären sie erst einmal in Haft, nicht mehr viele Möglichkeiten geben würde, miteinander zu kommunizieren. Doch eine fanden sie: Noch bevor sie ins Gefängnis kamen, das nur Christine von Dohnanyi wieder verlassen durfte, hatten sie verabredet, die Verpackungen der Lebensmittel zu benutzen, deren Übergabe im Berliner Hauptgefängnis der Gestapo erlaubt war, um Notizen zu schmuggeln. Auf runden, auf die Böden von Pappbechern geklebten Zetteln schrieb Hans von Dohnanyi also an seine Frau - Nachrichten in winziger Schrift, die gleichwohl noch heute gut zu entschlüsseln ist: „Liebste, Geliebte, mein Alles Du!“, heißt es da. „Jetzt haben wir uns.“

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Kassiber, der Zeugnis von der unendlichen Willkür des totalitären Staates, aber auch von dem leisen, kleinen Triumph eines Einzelnen über seine Peiniger gibt, ist von diesem Donnerstag an im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen. „Kassiber - Verbotenes Schreiben“ nennt sich die dort gezeigte Ausstellung, die in ihrem Titel bereits anklingen lässt, dass sie Kassiber im denkbar weitesten Sinn des Wortes begreift. Der Begriff meint hier das Schreiben unter extremen Bedingungen, vor allem in Gefangenschaft. Beinahe unnötig also zu sagen, dass die Geschichte jedes einzelnen Schriftstücks vollkommen unerhört ist, traurig, makaber, brutal, dramatisch, immer wieder zu schrecklich, um wahr zu sein.

          Ein Manuskript von de Sade

          Die Schau begegnet ihren Exponaten denn auch mit Respekt. Sie tut nicht viel, um ihre Ungeheuerlichkeit herauszustreichen, sie bedient weder Sensationsgier noch Voyeurismus. Indem sie die Schriftstücke in Vitrinen präsentiert, die bis auf kleine Gucklöcher mit schwarzer Folie beklebt sind, spiegelt sie das wider, was das Wesen des Kassibers ausmacht, und zeigt zugleich, dass sie sich des Konflikts bewusst ist, dem sie selbst ausgesetzt ist: Kassiber sind naturgemäß Geschöpfe, die das Tageslicht scheuen. Per definitionem sind sie nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt.

          Zensiert: Ein geschwärzter Brief, den Alfred Andersch aus amerikanischer Gefangenschaft an seine Mutter schrieb
          Zensiert: Ein geschwärzter Brief, den Alfred Andersch aus amerikanischer Gefangenschaft an seine Mutter schrieb : Bild: DLA Marbach

          Dennoch und gerade deswegen gehören sie natürlich zu den interessantesten Schriftstücken, die es gibt. Denn selbst dort, wo es sich nicht um Briefe oder Tagebuchnotizen, sondern um rein literarische Werke handelt, lässt sich nicht von ihnen erzählen, ohne dass sich die Dimension augenblicklich ins Politische, ins Zeitgeschichtliche und Historische weitet: Mit dem Marquis de Sade und seinem Manuskript der „120 Tage von Sodom“ reisen wir in die Bastille am Ende des achtzehnten Jahrhunderts; mit Verlaine, der wegen der Schüsse auf seinen Geliebten Arthur Rimbaud von 1873 an zwei Jahre im Gefängnis saß, begegnen wir einem Menschen, der hinter Gittern einen Zugang zur Religion findet und ihn in seinem Gedichtband „Sagesse“ verewigt; mit Ezra Pound gelangen wir wieder in die Lager des Zweiten Weltkrieges.

          Guy Moquets nimmt Abschied

          Pound hat seine „Cantos“ in dem drei Quadratmeter großen, mit Maschendraht umzäunten Käfig, in dem er drei Wochen lang gefangengehalten und dabei schutzlos Wind und Wetter ausgeliefert wurde, auf Toilettenpapier geschrieben. Die Originale gibt es nicht mehr. Die Marbacher Schau zeigt aber ein Foto von einem dieser bekritzelten Toilettenpapierstreifen und hilft sich etwa auch bei de Sade (dessen Manuskript sich in Privatbesitz befindet und jetzt verkauft werden soll) mit einer Kopie.

          Überwiegend werden aber natürlich Originale gezeigt, darunter immer wieder erschütternde Beispiele für den Einfallsreichtum, der aus der schieren Not in der Gefangenschaft erwächst, und die man sich wiederum als in Deutschlands fetten Jahren aufgewachsener Mensch doch nur schwer vorzustellen vermag. Für uns ist ja nichts so selbstverständlich wie ein Blatt Papier und ein Stift.

          Doch für den siebzehn Jahre alten Guy Môquet, der wegen des Abwerfens von Flugblättern in einem Kino erst im Internierungslager von Châteaubriant saß und bald darauf hingerichtet wurde, gab es vor seinem Tod nichts anderes als ein Stück glänzendes Holz, das nun in Marbach zu sehen ist, und auf das er mit Bleistift in schwungvollen Zügen schrieb: „Les copains qui restez, soyez dignes de nous! Les 27 qui vont mourir.“ („Kameraden, die Ihr zurückbleibt, seid uns würdig! Die 27, die sterben werden.“). Auch Oskar Pastior schrieb im Arbeitslager im ukrainischen Donbas mangels Papier auf zerschnittenen Zementsäcken, andere sticken Wörter in Stofffetzen oder ritzen sie in die Wände.

          Vom Trost der Sprache

          Erstaunlich ist neben dieser Verdinglichung des Wortes immer wieder aber auch die Art und Weise, wie dieses Geschriebene letzten Endes aus den Kerkern, Lagern und Zellen hinaus in die Welt gelangt ist. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, der in den neunziger Jahren vier Jahre in Haft verbrachte, gab die dort verfertigten Aufzeichnungen zu seinem bis heute noch nicht abgeschlossenen Romanprojekt „Überleben“ an gleichgesinnte Mitgefangene, die sie peu à peu über ihre Verwandten aus dem Gefängnis schmuggeln ließen.

          In Marbach sind aber auch Briefe von Dietrich Bonhoeffer zu sehen, die er aus der Haft in Berlin-Tegel 1944 an Eberhard Boettgen schrieb, und die den Krieg im Garten des Hauses von dessen Schwiegereltern vergraben überlebten. Sie alle geben einen tiefen Eindruck davon, wie trostspendend, qualenlindernd, erhebend auch die Sprache sein kann, wenn das Wort zu den letzten Dingen gehört.

          Märchenhaft: Postkarte von Gudrun Ensslin an Bernward Vesper, vom 6. August 1968 aus der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim
          Märchenhaft: Postkarte von Gudrun Ensslin an Bernward Vesper, vom 6. August 1968 aus der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim : Bild: DLA-Marbach

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