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Kasseler Musiktage : Körpermusik bis auf die Knochen

  • -Aktualisiert am

Münchner Kammerorchester unter der Leitung von Clemens Schuldt Bild: Christian Hedler

Da liegen die Nerven bloß, da schreit ein Orchester: Erschütterndes von Franz Schubert, Explosives von Johannes Maria Staud bei Deutschlands ältestem Kammermusikfestival.

          3 Min.

          Allegro molto“ bezeichnet im verbindlichen Musikeritalienisch ein sehr, „Allegro moderato“ ein mäßig schnelles Tempo. Was aber meint nun: „Allegro molto moderato“? Vordergründig erscheint dieses „sehr mäßig schnell“ wie eine ungeschickte Umschreibung für „ziemlich langsam“. Doch eben das ist es nicht; sondern eine Bewegung, die vorwärts will, frei werden und ins Weite schweifen möchte, aber erst einmal in Sumpf und Treibsand feststeckt: jeder Schritt und Atemzug eine Last, jeder Entschluss eine unverrückbare Entscheidung.

          Es schaut so aus, als habe Franz Schubert die Bezeichnung erfunden oder sie zumindest so populär gemacht, dass sie dann auch im weiteren neunzehnten Jahrhundert gelegentlich wieder auftaucht. Wie er sie aber gemeint haben könnte, erfuhren die Hörer durch das „Quatuor Diotima“, als die Franzosen im Rahmen der noch bis zu diesem Wochenende währenden Kasseler Musiktage sein weltenstürzendes und herzbeklemmendes G-Dur-Quartett von 1826 spielten, in dessen Kopfsatz die seltsame Tempovorgabe wohl das erste Mal erscheint. Da rangen sich Akkorde ins Freie, als müssten sie sich durch zähe Teerschichten (und manchmal, wenn Cellist Pierre Morlet seine unendlich wehmütigen Kantilenen ausbreitete, vielleicht auch Honigfässer) arbeiten; während wild flackernde Tremoli und gnadenlos heftige Dur-Moll-Kollisionen Nerven, Sehnen und Seelen bis auf die Knochen abschälten.

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          Das blieb so bis zum letzten, schmerzhaft grell aufgeblendeten Dissonanzfeld fünfzig Minuten später – ein intensives Ringen, dessen Rückhaltlosigkeit und manchmal an die Grenze des Zerreißens getriebene Anspannung man auch daraus erhören konnte, wie analoge Passagen bei Wiederholungsstellen kaum je völlig identisch, sondern in ständiger Wandlung und Neuformulierung blieben. Diese ungeschützte Auslieferung an den Klangprozess, ihre potentiell immer auch gefährdete Feinsteuerung war ein bemerkenswerter Gegensatz zum polnischen „Apollon Musagète“-Quartett zwei Abende vorher, bei dem ebenfalls Schubert – das g-moll-Quartett D 173 – auf dem Programm stand, das aber hier ganz anders aufgebaut wurde: nicht von den tiefen Klangschichten her entwickelt wie dort, sondern „von oben“ geführt und limitiert durch das Energiefeld von Paweł Zalejskis Primgeige.

          Er gab, bei allem Temperament, einen Grundton strukturell-architektonischer Beherrschtheit und kontrollierter Durchsichtigkeit vor, was besonders in Antonín Dvořáks G-Dur-Quartett op. 106 ebenfalls mitreißende Ergebnisse brachte, aber in seiner kristallinen Kühle manchmal ein wenig von jener überschwänglichen lyrischen Schwärmerei vermissen ließ, die beispielsweise bei Schubert das Seitenthema des Kopfsatzes bestimmt.

          Wie ein tönender Farbholzschnitt

          Man könnte diese Unterschiede der Tönungen und Konturen wie die zwischen einer Gouache und einem Farbholzschnitt beschreiben. Wobei natürlich die ausgewählten Werke eine Rolle spielten, gerade im Falle des Wiener Klassikers, der in seinen Startjahren noch wesentlich oberstimmenzentrierter registrierte als in der Phase seiner letzten Reife. Und da das ost- wie das westeuropäische Ensemble Formationen sind, die sich mit großer Selbstverständlichkeit auch neueren Klängen geneigt fühlen, hatten sie hierfür in Kassel Stücke gewählt, die ihrem jeweiligen Klanggestus entgegenkamen.

          Bei „Apollon Musagète“ war es das dritte, 1990 entstandene Quartett von Andrzej Panufnik, in dem der in England heimisch gewordene polnische Künstler am Ende seines Lebens noch einmal heimische Erinnerungen beschwor, sie aber in aphoristischen – und vom Ensemble in punktgenau bannender Verdichtung wiedergegebenen – Sätzen in eine schnörkellose, alles eng Folkloristische hinter sich lassende Abstraktheit transzendierte.

          Zerbrechlich vereist

          Beim Diotima-Quartett hingegen war Johannes Maria Stauds „Dichotomie“ das Werk der Wahl, ein wildes Geflecht expressiver Gesten zwischen Klangballungen und spröden, zerbrechlich vereisten pianissimo-Aussparungen, die den Hörer durch ständige Perspektivwechsel auf Trab halten und mit ihren hagelschauernden Tremolo-Feldern auch einem Erbe folgen, das in Schuberts monumentalem G-Dur-Quartett seinen Ausgang nimmt und bei dessen Fortschreibung man ebenso an Alban Berg denken darf, dessen Quartett op. 3 den Abend eröffnet hatte.

          Ein ähnlicher subtiler Beziehungsreichtum war oft auch programmatisch zu erleben: sei es jahrgangsübergreifend wie bei dem polnischen Ensemble, das seine Auseinandersetzung mit Dvořák in Kassel schon 2016 begann, sei es in der vielleicht nicht nur zufälligen Konfrontation von dessen spätem Streichquartett mit dem in der biographischen Positionierung wie im sinfonischen Anspruch verwandten Werk Schuberts in der gleichen Tonart G-Dur. Vor allem aber haben der künstlerische Leiter Olaf A. Schmitt und sein kleines Team die Veranstaltungen um einige Leitkomponisten herum aufgebaut, zu denen neben diesen beiden auch Johannes Maria Staud gehörte. Er wurde mit vier Kompositionen präsentiert, von denen sich zwei – das gestern Abend vom Boulanger-Klaviertrio uraufgeführte „Terra Fluida“ und das für Orchester gesetzte „Terra Pinguis“ – auf die teils noch alchimistisch geprägten naturwissenschaftlichen Theorien des siebzehnten Jahrhunderts beziehen.

          Das lateinische „pinguis“ – was soviel wie dick und fettig, aber auch schwerfällig heißen kann – wurde dabei im Eröffnungskonzert des von Clemens Schuldt energisch geleiteten Münchner Kammerorchesters durch eine dicht brodelnde, hitzig wallende und überschießende Klangmaterie verkörpert, bei denen die Akteure am Ende unter kollektiven Exklamationen in einen bacchantischen Rausch hineintreiben. In Stauds Quartett gibt es Verwandtes, wenn die Musiker rhythmisch aufstampfend das Parkett traktieren – und weil die Klänge des Österreichers ohnehin ebenso körperlich-saftig wie bildhaft phantasieentfesselnd ist, wirkten solche Aktionen durchaus organisch: neue Musik in engagiert lustvollen Interpretationen, die ihre Hörer nicht von der Leine ließen.

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