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Kartellrechtsklage gegen Apple : Entfesselte Monopole

  • -Aktualisiert am
Die Klage des Justizministeriums wirft mehr Probleme auf als sie zu lösen anstrebt: Denn für die Vielfalt des Buchmarkts ist eine monopolistische Entwicklung bedrohlich.
          3 Min.

          Nicht nur Kinder sehen gern Dominosteinen beim Kippen zu, nachdem der erste angetippt ist. Ein ähnliches Spektakel bieten jetzt das amerikanische Justizministerium und mit ihm die EU-Kommission. Wenn der letzte Stein gefallen ist, dann wird von einer Buchkultur, wie wir sie heute noch kennen, wohl nicht mehr viel übrig sein - und zuletzt fällt die Buchpreisbindung.

          Die ersten Steine für die große Kettenreaktion sind bereits aufgestellt: Das amerikanische Justizministerium hat am Mittwochabend seine Drohung wahr gemacht und eine Kartellrechtsklage gegen Apple sowie mehrere große amerikanische Verlage erhoben. Dem iPad-Hersteller und iBookstore-Betreiber wird vorgeworfen, mit Hachette, HarperCollins, Macmillan, Penguin und Simon & Schuster unrechtmäßig Preisabsprachen für den Verkauf elektronischer Bücher getroffen zu haben (F.A.Z. vom 11.März). Die europäischen Wettbewerbshüter haben Ende vergangenen Jahres ein Parallelverfahren eingeleitet, zu dem in Kürze eine Entscheidung der Kommission ergehen dürfte. Die Richtung scheint klar: EU-Kommissar Joaquín Almunia hat mehrfach betont, dass man eng mit den amerikanischen Behörden zusammenarbeite.

          Der Rabatt-Spielraum ist nach unten offen

          Im Zentrum des Konflikts steht das sogenannte Agency-Modell, das zuerst von Apple eingeführt wurde. Dieses sieht vor, dass die Verlage ihre E-Book-Preise selbst bestimmen. Der Händler erhält als fixe Provision dreißig Prozent des Verkaufspreises. Alternativ dazu gibt es das Wiederverkäufermodell: Hier bestimmt allein der Händler den Preis der E-Books, die er zuvor von den Verlagen erworben hat. Tatsächlich sorgte die Einführung des Agency-Modells 2010 in den Vereinigten Staaten - anders als in Europa - für eine Verteuerung der E-Books. Der Verbraucher habe wegen des mutmaßlich abgesprochenen Agency-Modells viele Millionen Dollar mehr zahlen müssen, so der Vorwurf der amerikanischen Justiz.

          Drei der betroffenen Verlage, Simon & Schuster, Hachette und HarperCollins, haben sich mit den Behörden auf einen Vergleich geeinigt. Dieser sieht eine Erweiterung des Agency-Modells um einen „competitive reset“ vor, um die angebliche bisherige Wettbewerbsverzerrung auszugleichen. Der Händler darf dann in den nächsten zwei Jahren den Preis der E-Books selbst bestimmen. Im Fall des Online-Buchvertreibers Amazon ist der Rabatt-Spielraum bekanntlich nach unten hin gern offen.

          Der große Gewinner heißt denn auch Amazon - ein Unternehmen in Expansionsphase, das Kunden zwar über Buchverkäufe und insbesondere sein geschlossenes Kindle-System bindet, aber seine Gewinne mit anderen Sparten macht. Das Monopol, das Amazon vor dem Wechsel der Verlage zum Agency-Modell bereits innehatte, kann jetzt samt entsprechender Preisgebung gefestigt werden. Das gilt nicht nur für Amerika: In Großbritannien gehen schon jetzt achtzig Prozent der E-Book-Verkäufe über Amazon, in Deutschland ist es jedes zweite E-Book.

          Diese monopolistische Entwicklung ist bedrohlich

          Penguin und Macmillan, die amerikanische Holtzbrinck-Tochter, haben sich indes nicht auf den Vergleich eingelassen. Dafür wird vor allem John Sargent, Geschäftsführer von Macmillan, im Netz bereits als Held gefeiert. Dass Macmillan es auf die Konfrontation vor Gericht ankommen lässt, begründet Sargent nicht nur damit, dass sein Verlag eben keine Absprachen getroffen habe. Vor allem aber käme die außergerichtliche Einigung nur einem zugute: Amazon. Scott Thurow, Präsident der Authors Guild, pflichtet ihm bei. Er wirft dem Justizministerium vor, es sei dabei, den Wettbewerb abzuschaffen, um einen Anschein davon aufrechtzuerhalten.

          Der Donnerschlag aus Washington dürfte zunächst zwei Folgen haben: Amazon kann seinen Preiskrieg mit höchstrichterlichem Segen weiterführen. Für die Vielfalt des Buchmarkts aber ist diese monopolistische Entwicklung bedrohlich. Die Klage des Justizministeriums wirft somit mehr Probleme auf, als sie zu lösen anstrebt.

          Diesseits des Atlantiks könnten die Folgen noch gravierender ausfallen, wenn die EU-Kommission dem Beispiel folgt. Nicht nur wird einem amerikanischen Großunternehmen, das für seine hiesigen Milliardengeschäfte dank Sitz in Luxemburg nur drei Prozent Umsatzsteuer zahlt, von den Behörden der rote Teppich ausgerollt. Mittel- bis langfristig aber steht die Abschaffung der Buchpreisbindung auf der europäischen Behördenagenda, zumal diese nur im deutschsprachigen Raum gilt. Was das bedeuten könnte, malt eine Studie aus, die das norwegische Kulturministerium kürzlich vorgestellt hat. Dieser Untersuchung zufolge sind Qualität, Vielfalt und Titelbreite in Ländern mit preisgebundenen Büchern gesicherter als in Märkten ohne Preisbindung. Außerdem sind die Durchschnittspreise für Bücher in Ländern ohne Buchpreisbindung höher - weil Nachlässe vor allem auf Bestseller gewährt werden, während andere Titel zum Ausgleich teurer sind. Norwegen erwägt nun, die Buchpreisbindung wieder einzuführen. Den letzten Stein zu stützen könnte nötig sein.

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