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Rosenmontag in Köln : Et Boch kütt!

Eine Nase auf der Maske ist ein Anfang, aber kein Ersatz: Kölns Jecken mussten in dieser Saison ganz tapfer sein. Bild: dpa

Wie feiert man Karneval, wenn sich Karnevalsfeiern wegen Corona verbieten? Die Oberbürgermeisterin macht einen Vorschlag – und Köln ist aus dem Häuschen.

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          Es gibt Phänomene des Alltags, die uns so oft begegnen, dass sie kaum noch auffallen. Wenn zum Beispiel jemand nur so tut, als beherrsche er eine Tätigkeit, die er in Wirklichkeit nicht oder nur reichlich schlecht beherrscht, ist das nicht ungewöhnlich. Also gehen wir lässig darüber hinweg. Aber wenn derselbe Vorgang plötzlich mit einem klangvollen, Bedeutung suggerierenden Begriff belegt wird, spitzen wir die Ohren.

          Inkompetenzkompensationskompetenz (Odo Marquard, 1973) ist so ein Begriff. Geprägt hat ihn der Gießener Philosoph, als er beschreiben wollte, was die Philosophie nach dem Ende der Philosophie so treibt, nämlich reden, trösten, täuschen. Womit wir auf dem Feld der Politik wären. Oder dem der Unterhaltung. Wenn beides, also Politik und Unterhaltung, aufeinandertrifft, ist entweder Talkshow oder Karneval. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Köln, heute Morgen. Ohrenbetäubender Lärm hebt an. Gewaltige Schallwellen lassen den Dom erzittern. Die ganze Stadt vibriert. Es klingt, als würde sich mit einem Mal der Erdboden auftun. Dabei sind es nur die Kölner, die ihre Bücher zuklappen. Allerdings alle gleichzeitig. Befehl von oben. Am Aschermittwoch ist schließlich alles vorbei (Jupp Schmitz, 1953). Normalerweise kommen locker eine Million Menschen zum Straßenkarneval nach Köln, bundesweit sollen die Jecken während der tollen Tage etwa 1,5 Milliarden Euro auf den Kopp hauen. Das ging in diesem Jahr aber nicht. Wohin jetzt mit den Mäusen? Wer braucht so viel Pinke-Pinke, wer braucht so viel Geld?

          Isch lach mich kapores

          Ersparen wir uns die Details, was genau gerade so alles nicht geht, und begnügen uns stattdessen mit einer klassisch gewordenen Handlungsanleitung für das, was der Mensch im Karneval normalerweise so tut: „Fülle mit Leichtsinn dir den Pokal“ (Jupp Schmitz, 1953). Jetzt die gleiche Handlungsanleitung, im zweiten Corona-Jahr umformuliert von der offenbar auch längst büttenreif gerüttelten Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Man kann auch ein Buch über Karneval lesen.“

          Noch ist nicht bekannt, wie viele Kölner dem Vorschlag gefolgt sind. Die Nachricht, im ganzen Rheinland seien leerstehende Impfzentren zu Buchzentren umfunktioniert worden, hat sich als Übertreibung erwiesen. Kölner Buchhändler sind für Stellungnahmen nicht zu erreichen. Die meisten von ihnen sollen die Stadt aus Angst vor einer anstehenden Umtausch-Welle bereits verlassen haben. Andere haben sich schlicht kaputtgelacht. Auf Kölsch: „Isch lach mich kapores!“ (Jupp Schmitz, 1953).

          Die Kölner sollten ihrer Oberbürgermeisterin ihr freches, kleines Bonmot indes nicht weiter übelnehmen. Denn „heut ist heut“ (Jupp Schmitz, 1953). Im Kölner Karneval ist immer 1953 und am Aschermittwoch bekanntlich alles vorbei. Außerdem konnte der Kölner in diesen tollen Tagen zwei Dinge hinzulernen: Er weiß jetzt, was Inkompetenzkompensationskompetenz bedeutet. Und er ahnt allmählich, was gemeint sein könnte, wenn vom Karneval nach dem Ende des Karnevals die Rede ist.

          Hubert Spiegel
          (igl), Feuilleton

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