https://www.faz.net/-gqz-96y5t

Karneval in Brasilien : Alles Diebe

  • -Aktualisiert am

Beim Karneval in Brasilien wird vieles mit einem Augenzwinkern gesehen - bis auf die Einmischungen der Politik. Bild: dpa

Wegen der Präsidentschaftswahl in diesem Jahr verspricht der Karneval in Brasilien politischer als sonst zu werden. Auch verurteilte ehemalige Regierungschefs mischen mit.

          1 Min.

          Im vergangenen Jahr kursierte in Brasilien während des Karnevals ein Lied. „Der Präsident von Transsilvanien“ beschrieb den Präsidenten Michel Temer als nach Blut lechzenden Vampir, der die Regierung mit Gestalten besetzt, die ihm von Friedhöfen nachlaufen. „Ich suche dort, wo der Boden fruchtbar für das Böse ist“, hieß es zum Zupfen einer Gitarre. Das Lied wurde zu einem der beliebtesten des Jahres. Wenn Diktatoren ihn nicht gerade verboten, war der Karneval in Brasilien stets politisch. Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen wird, wie es der lateinamerikanischen Kultur entspricht, in Humor und Ironie verpackt und selbstbewusst vorgetragen. Stoff für die Texte gibt es genug.

          Evangelikale Spaßbremse

          Die Absonderlichkeiten des politischen Geschehens bringen Marchinhas, kurze Stücke im Marschrhythmus, die sich seit fast hundert Jahren großer Beliebtheit erfreuen, zum Ausdruck. Es geht um Fragen der Sicherheit, der Umwelt und Bildung: „Alles Diebe“ – das ist eine der wichtigsten Botschaften.

          In diesem Jahr verspricht der Karneval, der am Wochenende in Rio de Janeiro und in hunderten anderen Städten Brasiliens beginnt, besonders politisch zu werden, denn 2018 ist das Jahr der Präsidentschaftswahlen. Und weil Rio de Janeiros Bürgermeister Marcelo Crivella eine evangelikale Spaßbremse ist und eine fünfzigprozentige Kürzung der städtischen Mittel für die Sambaschulen beschlossen hat, bekommt auch er seinen Teil ab. „Ob mit oder ohne Geld, ich habe meinen Spaß“, singen die Musiker der Sambaschule Mangueria.

          Umgekehrt haben die Politiker das Potential des Karnevals für den Wahlkampf erkannt. Fast alle politischen Parteien hätten Karnevalsgruppen gegründet, die zu ihren Gunsten singen und tanzen, beklagen mehrere Sambaschulen. Auch Luiz Inácio Lula da Silva, der wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren Haft verurteilte ehemalige Amtsinhaber, der Ambitionen auf eine neue Präsidentschaft hegt, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Seine Arbeiterpartei entschied, dass sein Image nur bei einer Gelegenheit wiederhergestellt werden könne: beim Karneval.

          Im vor kurzem veröffentlichten Lied „Wo ist der Beweis?“ heißt es, begleitet vom typischen Sambarhythmus, ein Fehlverhalten sei ihm schlicht nicht nachzuweisen. Nie habe man bei Lula einen Koffer voller Geld gefunden, wie es bei anderen Präsidenten schon passiert sei. Auf diese Sichtweise werden die unabhängigen Sambaschulen am Wochenende sicherlich eine Antwort finden. Sie werden sich den Karneval nicht auch noch stehlen lassen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Was Männer nicht können

          Marjane Satrapi im Gespräch : Was Männer nicht können

          Die iranisch-französische Filmemacherin und Comiczeichnerin Marjane Satrapi erklärt, warum sie einen Film über Marie Curie gedreht hat, weshalb sie lieber unbequem, aber mächtig ist und wie sie ihre alte Heimat Iran sieht.

          Topmeldungen

          Während die Quarantäne für die meisten Wohnblocks in Verl inzwischen aufgehoben wurde, müssen die Anwohner eines Hauses noch hinter Bauzäunen ausharren.

          Die Leiharbeiter von Gütersloh : Der Werkvertrag als sozialer Magnet

          Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gelten als besonders hart, nur wenige halten hier lange durch. Doch viele Arbeiter bleiben auch nach ihrer Anstellung in Deutschland – und stellen die Kommunen vor Herausforderungen.
          Für jene, die nichts erben, wird das Eigenheim wohl oft ein unerfüllter Traum bleiben.

          Finanzierung : Eigenheime und Aktien sind Granaten

          Sollte man Hauskredite so langsam abbezahlen wie möglich und das Geld lieber in Aktien stecken? Wer so handelt, braucht starke Nerven. Wer die nicht hat, sollte anders vorgehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.