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Karneval & Apokalypse : Aus dem Schneider

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Im Karneval gehört die Philharmonie Helge Schneider und seinem „Cirque du Kautz“. Aus erratischen Gründen. Anders gefragt: Taugt unser Helge in der Stunde Nullkommanix als Krisenkasper? Er taugt, und zwar einfach drunter weg.

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          Dat Süppsche vun Kölle es rut: Als im Januar 1995 das Jahrhunderthochwasser in der Altstadt herumschwappte, war man kurz davor, die unterirdisch gelegene Philharmonie zu fluten. Aus statischen Gründen. Was damals ungeheuer klang, ist so besonders nicht: Jedes Jahr, wenn der Kölner Pro-Kopf-Bierpegel über zehn Meter steigt, wird die Philharmonie geflutet. Dann eben mit Kölsch statt mit Kölnisch Wasser.

          Mit anderen Worten: Im Karneval gehört die Philharmonie Helge Schneider und seinem „Cirque du Kautz“. Aus erratischen Gründen. Jemand, der seit fünfunddreißig Jahren Alben, Bücher und Filme im Akkord herauswuppt, dabei aber in seiner Eiersalat-Philosophie (Erster Hauptsatz: Irgendwann tritt jeder in eine Wurst) mindestens so dogmenfest ist wie der Papst in der seinen, der hat in Köln gut Lachen machen. Aber auch in diesem Jahr? Verkörpert der Barde des Käsebrots nicht das kollektive Unterbewusstsein der saturierten Wohlstandsbanausennation? Anders gefragt: Taugt unser Helge in der Stunde Nullkommanix als Krisenkasper? Er taugt, und zwar einfach drunter weg. „Akopalüze nau“, hatte der Druide ja schon mit der letzten Tour weisgesagt. Diesmal geht es frankophil um Armenspeisung: „Wullewupp Kartoffelsupp?“

          In seinen Liedern wohnt der Trotz

          Obergärig schlackert Helge in den Saal und gibt den Primus inter Pares: „Wir haben uns überhaupt nichts überlegt.“ Da ist er gleichauf mit der Weltfinanzpolitik. Dann ein Blick auf die Uhr: „Boah, schon vorbei gleich.“ Während der Saal noch wiehert, ahnt er bereits, was später kommt: „Gut, bisschen Karneval noch, aber am Aschermittwoch dann . . .“ Kaltes Erschauern. Doch in den Liedern wohnt der Trotz. Der Telefonmann geht ans Telefon ran, koste es, was es wolle. Das Katzeklo macht die Katze froh. Es lebt der rote Helge noch. Die „internationale Band aus vielen Ländern“ – Pianist Jochen Bosack von irgendwo, Bassist Reinhard Glöder aus Libyen, der ausdruckstanzende Wichtel Volker Bertzky vom Mond und natürlich Weltklasse-Drummer Pete York aus dem Business – jazzt an gegen die Akopalüze des Alltags.

          Aber der Revoluzzer gießt Feuerzangenbowle in die Glut: „Die Krise hat Köln ja noch gar nicht erreicht, die ist erst beim Mittelstand angekommen.“ Vom Parlament ist wohl keine Hilfe zu erwarten. Tapfer wehrt sich das Schneiderlein: Nein, zur Selbsthilfe rät Helge der Unterschicht – er jedenfalls habe seine Schadstoffplakettendruckmaschine bald auf Noten umgerüstet, dann sei er, nun ja, aus dem Schneider. Erst die letzten Worte des Käuzchens reichten der Jahrhundertflutmentalität des verkleidet angetretenen Bierpegelvereins wieder das Wasser: „Köln. Köln. Köln! Köllllln! Am Rhing! Dat – is’n Ding!“

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