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Munch und Knausgård : Wir sehen uns

Edvard Munch: „Die Sonne“, 1912 Bild: Munch Museet Oslo

Karl Ove Knausgård hat eine Edvard Munch-Ausstellung kuratiert. Und schreibt in seinem neuen Buch: Munchs Kunst ist wie wir. Aber stimmt das? Und wer ist wir?

          6 Min.

          An jenem Morgen, als wir nach Åsgårdstrand fahren wollten, war es kalt, fünf Grad unter null, und der noch nachtschwarze Himmel war dunstig.“ Wer möchte wissen, wie es weitergeht nach diesem ersten Satz eines Kapitels im neuen Buch von Karl Ove Knausgård?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich.

          Es ist einer dieser Sätze, mit denen Knausgård mich fängt, die Lakonik, die Sachlichkeit, die vorurteilsfreie Aneinanderreihung von Details, damit erzeugt seine Sprache diesen Sog, der mich ansaugt, hinein in diesen Subjektivierungstunnel, sie sagt „ich“ oder „wir“, und schon bin ich drin, bin am Leben, ohne leben zu müssen, und wenn ich am anderen Ende herauskomme, sind drei Tage und sechshundert Seiten um, und ich halte Ausschau nach dem nächsten Tunnel, während ich über mich lache und mich frage, was macht Knausgård mit mir? Dass ich ihn bingen muss wie eine Netflix-Serie, die mich hungrig empfängt und hungrig entlässt? Warum lese ich in der Zeit nicht Dostojewskij oder Homer?

          Karl Ove Knausgård

          Es ist etwas an Knausgårds Art zu schreiben, „ich“ zu sagen, das wohl im Rückblick als typisch für unsere Bekenntniskultur gelten wird. Knausgårds Prosa ist wie ein Mantel, der sich tröstend um mich schließt, während ich mich durch diese fremde Subjektivität bewege, die ihre Unzulänglichkeiten und die der ihm nächststehenden Menschen scheinbar ungefiltert hintereinanderreiht, so dass ich die eigenen Unzulänglichkeiten in ihnen aufgehoben fühle. Es brennen einem ja auch mitunter die Fleischbällchen an, und es kommt vor, dass man vergisst, die Mülltüte mit runterzunehmen, denke ich, während ich an diesem Herbstnachmittag diese Sätze schreibe, auf der klackernden Tastatur, durch die halb geöffnete Bürotür weht das vertraute Trappeln der anderen Tastaturen über den Flur, im Glas vor mir platzen die feinen Bläschen der Apfelsaftschorle. Man passt ganz hinein in dieses fremde Leben, was doch immer wieder erstaunlich ist; denn handelt es sich bei Knausgårds Lesern nicht um ganz unterschiedliche Menschen?

          Nicht, wenn es nach Knausgård geht, in „Kämpfen“ zum Beispiel schreibt er, dass „wir eigentlich so gut wie alle gleich sind“, und das findet man in seinen Texten immer wieder, diese Suche nach einem Nullpunkt, an dem alles erklärt ist, die Kunst, das Leben, die Literatur, indem es gleich ist, identisch.

          In seinem neuen Buch zum Beispiel, das davon handelt, wie er eine Ausstellung mit Bildern von Edvard Munch kuratiert, sucht er immer das Gewöhnliche hinter dem Mythos des berühmtesten Malers Norwegens, er, der berühmteste lebende Schriftsteller Norwegens, und so schreibt er an einer Stelle: „Entscheidend an Munchs Kunst ist, dass wir sie wiedererkennen – also dass sie ist wie wir.“ Das sind dann die Stellen, an denen der Sog stoppte, ich am Text abglitt und aus dem Fenster schaute, wo der Dom von Limburg vorbeischoss an diesem Mittwoch, auf diesem schnellsten Streckenabschnitt der Deutschen Bahn zwischen Frankfurt und Köln, ich war auf dem Weg nach Düsseldorf, wo nächste Woche Knausgårds Munch-Ausstellung eröffnen wird, in mir die seit Kindheitstagen nie abgeklungene Freude über das Erhabene des Eisenbahnreisens, ich prüfte die Anzeige über der Abteiltür, die aber nicht, wie es früher üblich war, das Tempo anzeigte, sondern nur den englischsprachigen Hinweis, alle Fernzüge der Deutschen Bahn führen mit hundert Prozent grüner Energie.

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